Das Leben Gottes in der Seele des Menschen von Henry Scougal – Teil II
Über die Großartigkeit der Religion und der göttlichen Liebe
Nachdem wir also das Wesen der wahren Religion entdeckt haben, möchte ich nun, mein lieber Freund, zunächst unsere Meditationen ein wenig auf ihre Großartigkeit und ihre Vorteile richten, damit wir zu einem umso eifrigeren und sorgfältigeren Streben nach jenen Methoden angeregt werden, durch die wir so großes Glück erreichen können. Aber ach! Welche Worte sollen wir finden, um jene innere Zufriedenheit, diese verborgenen Freuden auszudrücken, die niemals recht verstanden werden können, außer von jenen heiligen Seelen, die sie empfinden? „Kein Fremder kann sich in ihre Freude mischen.“ Heiligkeit ist das richtige Temperament, die kräftige und gesunde Konstitution der Seele. Ihre Kräfte waren früher geschwächt und in Unordnung geraten, sodass sie ihre natürlichen Funktionen nicht ausüben konnten; sie hatte sich mit endlosem Hin- und Herwerfen ermüdet und war niemals imstande gewesen, irgendwie Ruhe zu finden. Jetzt, da jene Störung beseitigt ist, fühlt sie sich wohl; es herrscht rechte Harmonie in ihren Kräften, und eine dynamische Vitalität beherrscht jedes einzelne Teil. Der Verstand kann erkennen, was gut ist, und der Wille kann sich daran heften. Die Affekte sind nicht an die Bewegungen der Sinne und den Einfluss äußerer Dinge gebunden, sondern sie werden von göttlicheren Eindrücken geweckt und vom Empfinden unsichtbarer Dinge berührt.
Lass uns, wenn es dir recht ist, in eine tiefere und genauere Betrachtung von Religion einsteigen, über ihre mehreren Zweige, die bereits genannt worden sind. Lass uns jene Liebe und Zuneigung betrachten, mit der heilige Seelen mit Gott vereint sind, damit wir sehen, welche Großartigkeit und Glück in ihr enthalten sind. Liebe ist jene mächtige und vorherrschende Leidenschaft, durch welche alle Kräfte und Neigungen der Seele bestimmt werden und von der sowohl ihre Vollkommenheit als auch ihr Glücklichsein abhängen. Der Wert und die Erstklassigkeit einer Seele bemessen sich nach dem Objekt ihrer Liebe. Wer niedrige und schmutzige Dinge liebt, wird dadurch niedrig und abscheulich, aber eine edle und rechtplatzierte Zuneigung verbessert den Geist und entwickelt ihn weiter zu einer Übereinstimmung mit der Perfektion, die er liebt. Ihre Bilder drängen sich oft dem Geist auf und dringen durch eine verborgene Kraft und Energie in das innerste Gefüge der Seele ein und formen und gestalten sie nach ihrem eigenen Ebenbild. Deswegen können wir beobachten, wie leicht Liebende oder Freunde in die Nachahmung der Personen hineingleiten, für die sie Zuneigung empfinden; und wie sie beginnen, ihnen ähnlich zu werden, auch ohne sich dessen bewusst zu sein, nicht nur in ihrem Verhalten, sondern auch an Stimme und Gebärden und Ausstrahlung; und sicherlich sollten wir ebenso die Tugenden und inneren Schönheiten der Seele auf uns übertragen, wenn diese das Objekt und Motiv unserer Liebe wären. Aber weil alle die Geschöpfe, mit denen wir Umgang haben, ihre Mischung und Legierung haben, befinden wir uns dadurch, dass wir unsere Zuneigung auf sie richten, immer in Gefahr, befleckt und verdorben zu werden. Die Leidenschaft macht uns leicht blind, sodass wir das, was an ihnen tadelnswert ist, zuerst gutheißen und dann nachahmen. Der wahre Weg, um unsere Seelen zu verbessern und zu veredeln, besteht darin, unsere Liebe auf die göttliche Perfektion auszurichten, damit wir sie immer vor uns haben und einen Eindruck von ihr auf uns selbst ableiten können; und „mit aufgedecktem Angesicht wie in einem Spiegel die Herrlichkeit des Herrn anschauen, und so in dasselbe Bild verwandelt werden könnten von Herrlichkeit zu Herrlichkeit.“ Jemand, der mit einer wohlwollenden und heiligen Ambition seine Augen zu jener ungeschaffenen Schönheit und Güte erhoben hat und seine Zuneigung darauf ausrichtet, ist von ganz anderem Geist, von einem so viel brillanteren und heroischerem Temperament als der Rest der Welt, und kann nicht anders, als alle niedrigen und unwürdigen Dinge unendlich zu verachten; und so jemand wird keine gemeinen oder niedrigen Gedanken hegen, die seine hohen und edlen Ansprüche herabsetzen könnten. Liebe ist die großartigste und brillanteste Sache, die wir beherrschen; und deshalb ist es Dummheit und Niedrigkeit, sie unwürdig zu verschenken. Es ist in der Tat die einzige Sache, die wir unser Eigen nennen können; andere Dinge kann man uns mit Gewalt wegnehmen, aber niemand kann uns unsere Liebe rauben. Wenn etwas anderes unser werden kann, indem wir unsere Liebe geben, dann geben wir alles, wir überschreiben unser Herz und unseren Willen, und auf diese Weise besitzen wir unsere anderen Freuden. Es ist nicht möglich, jemandem, dem wir uns durch Liebe selbst gegeben haben, irgendetwas zu verweigern; ja, weil es das Privileg von Gaben ist, ihren Wert vom Sinn des Gebers zu empfangen und nicht am Ereignis gemessen zu werden, sondern am Begehren, deswegen kann man von ihm, der liebt, auch sagen, dass er nicht nur alles hingibt, was er hat, sondern auch alle anderen Dinge, welche die geliebte Person glücklich machen könnten, weil er sie von Herzen wünscht und sie wirklich schenken würde, wenn es in seiner Macht stünde; und in diesem Sinn kann man sagen: „dass die göttliche Liebe quasi Gott an sich selbst verschenkt, durch die Selbstzufriedenheit, die sie aus der Glückseligkeit und Perfektion seines Wesens zieht.“ Aber auch wenn das ein etwas sehr erzwungener Ausdruck zu sein scheint, ganz sicher ist Liebe das wertvollste Geschenk, dass wir Gott darbringen können, und dieses wird extrem entwertet, wenn wir sie auf andere Weise verschenken.
Wenn diese Zuneigung deplatziert wird, dann verschafft sie sich oft mit solchen Ausdrucksweisen Luft, die auf ihr eigentliches und passendes Objekt hindeuten und es durchblicken lassen, wo sie eigentlich hingehört. Die schmeichelhaften und blasphemischen Begriffe der Verehrung, mit denen Menschen manchmal ihre Leidenschaft ausdrücken, sind die Sprache jener Zuneigung, die für Gott gemacht und beabsichtigt gewesen war; so wie jemand, der es gewohnt ist, zu einer hochgestellten Person zu sprechen, unbewusst einmal einen anderen mit diesen Titeln anredet, die er gewohnheitsmäßig benutzt. Aber ganz sicher sollte jene Leidenschaft, die ihr Objekt für eine Gottheit hält, ihm zuteilwerden, der das auch wahrhaftig ist. Diese unbegrenzten Unterwerfungen, die die Seele erniedrigen würden, wenn sie an irgendjemand anderen gerichtet wären, werden sie erheben und veredeln, wenn sie hier platziert werden. Diese Ketten und Seile der Liebe sind unendlich herrlicher als die Freiheit selbst; diese Knechtschaft ist edler als jedes Imperium auf der Welt.
Nochmal: Weil die göttliche Liebe die Seele voranbringt und erhöht, ist sie allein es auch, die sie glücklich machen kann. Der herrlichste und entzückendste Spass, die tollsten und massgeblichsten Freuden, zu denen die menschliche Natur fähig ist, sind jene, die aus den Zärtlichkeiten einer wohlplatzierten und geglückten Zuneigung herkommen. Was die Liebe verbittert und sie für gewöhnlich zu einer sehr kummervollen und schmerzlichen Leidenschaft macht, ist, sie auf solche auszurichten, die nicht genug Wert haben, um sie zu verdienen, oder Zuneigung und Dankbarkeit, um sie zu erwidern; oder deren Abwesenheit uns der Freude des Umgangs mit ihnen beraubt, oder ihre Leiden geben uns Anlass zum Kummer. All diesen Übeln sind jene ausgesetzt, deren oberste und hauptsächliche Zuneigung auf Geschöpfe so wie sie selbst gerichtet ist; aber die Liebe zu Gott befreit uns von ihnen allen.
Erstens sage ich: Die Liebe muss unweigerlich elend und voller Kummer und Unruhe sein, wenn in ihrem Objekt weder Wert noch Brillanz genug vorhanden sind, um dem gewaltigen Ausmaß ihrer Intensität zu entsprechen. Eine so heftige und leidenschaftliche Passion kann nicht anders, als den Geist zu quälen und zu peinigen, wenn sie nichts findet, womit sie ihr Verlangen stillen könnte; und in der Tat ist sie so riesig und unbegrenzt in ihrer Natur, dass sie extrem eingeengt und beschränkt sein muss, wenn sie auf irgendein Geschöpf begrenzt wird: Nichts unterhalb eines unendlichen Guten kann ihr den nötigen Raum geben, um sich auszubreiten und ihre Kraft und Aktivität zu entfalten. Was? Soll ein wenig oberflächliche Schönheit oder ein ganz kleines bisschen Güte einer Leidenschaft entsprechen oder befriedigen, die für Gott gemacht worden ist, dafür konzipiert, um das unendlich Gute zu umarmen? Kein Wunder, dass Liebende kaum einen Nebenbuhler ertragen und es nicht wünschen, dass andere die gleichen Leidenschaften empfinden; sie wissen, dass das Gute, dass sie lieben, knapp und limitiert ist, dass es nicht für zwei ausreichen kann, wenn es im Grunde doch zu wenig für einen ist. Deswegen verursacht die Liebe, „die stark ist wie der Tod“, „Eifersucht, die grausam ist wie das Grab, ihre Glut ist Feuerglut und eine gewaltige Flamme.“
Aber die göttliche Liebe hat diese Bitterkeit nicht beigemischt. Wenn die Seele sich einmal auf jenes höchste und ein für alle Mal ausreichende Gute fixiert hat, dann findet sie darin soviel Perfektion und Gutes, dass es nicht nur ihre Zuneigung beantwortet und befriedigt, sondern sie auch beherrscht und überwältigt. Sie empfindet, dass all ihre Liebe zu schwach und zu matt ist für solch ein edles Objekt und es tut ihr nur leid, dass sie nicht mehr verlangen kann. Sie wünscht sich die Flammen eines Seraphen und sehnt sich nach der Zeit, wenn sie ganz in Liebe dahingeschmolzen und darin aufgelöst sein wird; und weil sie selbst so wenig tun kann, begehrt sie die Unterstützung der ganzen Schöpfung, dass Engel und Menschen mit ihr die Bewunderung und Liebe jener unendlichen Perfektion erobern würden.
Nochmal, die Liebe wird von Kummer begleitet, wenn sie keine entsprechende Erwiderung der Zuneigung findet. Die Liebe ist das Kostbarste, was wir verschenken können, und indem wir sie geben, geben wir praktisch alles, was wir haben; und deswegen muss es schmerzlich sein, ein so großes Geschenk verachtet zu sehen, dass das Geschenk, dass man aus seinem ganzem Herzen gemacht hat, es nicht schafft, irgendeine Erwiderung zu erreichen. Perfekte Liebe ist eine Art von Selbstentäußerung, ein Heraustreten aus uns selbst; es ist eine Art von freiwilligem Tod, worin der Liebende sich selbst abstirbt und allen seinen eigenen Interessen und weder an sie denkt noch sich noch länger um sie kümmert, und sich für nichts anderes interessiert, als wie er der Person, die er liebt, gefallen kann und sie erfreuen kann. So ist er ziemlich verloren, wenn er nicht auf gegenseitige Zuneigung trifft; er vernachlässigt sich selbst, und der andere beachtet ihn nicht. Aber wenn die Liebe erwidert wird, dann wird er sozusagen wiederbelebt und lebt weiter in der Seele und Zuwendung der geliebten Person; und jetzt beginnt er sich wieder um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern, nicht so sehr, weil sie seine sind, sondern weil die geliebte Person sich freut, an ihnen einen Anteil zu besitzen; er wird sich selbst am Herzen liegen, weil er dem anderen am Herzen liegt.
Aber warum sollte ich auf eine so bekannte Sache so ausgiebig eingehen? Nichts kann klarer sein, als dass das Glück der Liebe von der Erwiderung abhängt, die sie findet. Und hierin hat der göttlich Liebende den unsagbaren Vorteil, weil er seine Zuneigung auf ihn gerichtet hat, dessen Wesen die Liebe ist, dessen Güte so unendlich ist wie sein Sein, dessen Barmherzigkeit uns zuvorkam, als wir noch seine Feinde waren, und deswegen nicht anders kann, als uns zu umarmen, wenn wir seine Freunde geworden sind. Es ist vollkommen unmöglich, dass Gott seine Liebe einer Seele verweigern sollte, die sich ihm ganz hingibt und die nichts so sehr begehrt, wie ihm zu dienen und ihn zu erfreuen; er kann sein eigenes Bild nicht verachten und nicht das Herz, in welches es eingeprägt ist. Die Liebe ist der ganze Tribut, den wir ihm entrichten können, und sie ist das Opfer, das er nicht verachten wird.
Eine andere Sache, welche die Freude der Liebe stört und sie zu einer elenden und unruhigen Leidenschaft macht, ist die Abwesenheit und Trennung von denen, die wir lieben. Freunde trennen sich nicht ohne fühlbaren Schmerz, selbst wenn es nur für kurze Zeit ist; es ist traurig, jener Gemeinschaft beraubt zu werden, die einen so glücklich macht; unser Leben wird beschwerlich und wir verbringen es in ungeduldiger Erwartung der glücklichen Stunde, in der wir uns wiedersehen; aber wenn der Tod die Trennung gemacht hat, was er früher oder später tun muss, dann verursacht das einen Kummer, der nicht mit anderen Unglücksfällen des menschlichen Lebens zu vergleichen ist und mit dem wir für die Freuden unserer Freundschaft teuer bezahlen müssen. Und oh, wie glücklich sind diejenigen, die ihre Liebe auf ihn gesetzt haben, der niemals von ihnen abwesend sein kann! Sie brauchen nur ihre Augen zu öffnen und überall werden sie die Spuren seiner Gegenwart und Herrlichkeit erblicken und mit ihm verkehren, den ihre Seele liebt; und das macht das dunkelste Gefängnis oder die ödeste Wüste für sie nicht nur erträglich, sondern sogar wunderbar.
Kurz gesagt: Ein Liebender ist unglücklich, wenn die Person, die er liebt, es ist. Diejenigen, die einen Austausch der Herzen durch Liebe gemacht haben, gewinnen dadurch gegenseitig einen Anteil an ihrem Glück und Leid; und das macht die Liebe zu einer kummervollen Leidenschaft, wenn sie auf Irdisches gerichtet ist. Die glücklichste Person hat Kummer genug, um die Ruhe eines Freundes zu stören; und es ist hart standzuhalten, wenn wir von allen Seiten angegriffen werden und nicht nur für unsere eigene Person leiden, sondern auch für jemand anderen. Aber wenn Gott das Objekt unserer Liebe wäre, dann hätten wir Anteil an einer unendlichen Glücklichkeit, ohne jede Beimischung oder Möglichkeit der Minderung; wir würden uns daran erfreuen, die Herrlichkeit Gottes zu schauen, und aus all den Lobpreisungen, mit denen Menschen und Engel ihn erheben, Trost und Freude erhalten. Es würde uns über alle Maßen erfreuen zu bedenken, dass der Geliebte unserer Seelen in sich selbst unendlich glücklich ist und dass all seine Feinde seinen Thron weder erschüttern noch stürzen können; dass „unser Gott im Himmel ist und alles tut, was ihm wohlgefällt.“
Siehe, auf welch festem Fundament das Glück von jemandem gebaut ist, dessen Seele von göttlicher Liebe besessen ist, dessen Wille in den Willen Gottes verwandelt worden ist und dessen größtes Verlangen es ist, dass sein Schöpfer sich freuen soll! O der Frieden, die Ruhe, die Zufriedenheit, die so eine Gemütsverfassung begleiten!
Was für eine unendliche Freude muss es sein, uns auf diese Weise sozusagen in ihm selbst zu verlieren und wenn wir in dem überwältigenden Empfinden seiner Güte verschluckt werden, uns selbst als ein lebendiges Opfer darzubringen, das in Flammen der Liebe ununterbrochem zu ihm aufsteigt! Niemals weiß eine Seele, was wahre Freude und wirkliche Wonne ist, bis sie eines Tages, ihrer selbst überdrüssig geworden, auf alle Anstandsformen verzichtet, sich selbst dem Urheber ihres Seins übergibt, und fühlt, wie sie selbst ein geheiligtes und hingebungsvolles Ding wird und aus einem inneren Empfinden und Gefühl heraus sagen kann: „Mein Geliebter ist mein“, ich betrachte all seine Interessen als meine eigenen, „und ich bin sein.“ Ich bin damit zufrieden, alles für ihn zu sein, und ich interessierte mich nicht für mich selbst, sondern nur dafür, dass ich ihm dienen darf. Jemand, der in eine solche Gesinnung modelliert worden ist, würde an allen Fügungen der Vorsehung Freude finden; zeitliche Genüsse würden einen anderen Geschmack haben, wenn er darin die göttliche Güte schmecken würde und sie als Liebeszeichen betrachten würde, gesandt von seinem liebsten Herrn und Schöpfer; und Züchtigungen, auch wenn sie nicht freudig, sondern schmerzlich sind, würden dadurch ihren Stachel verlieren; die Rute ebenso wie der Stab würden ihn trösten. Er würde einen Kuss von der Hand erhaschen, die ihn geschlagen hat, und Süßigkeit aus dieser Strenge gewinnen; ja, auch wenn Gott nicht nach ihrem Willen handelt, nach dem Willen eines so unwürdigen und törichten Geschöpfs, dann würde die Person sich trotzdem freuen, dass Gott seinen eigenen Willen tut und seine eigenen Ratschlüsse ausführt, die unendlich heiliger und weiser sind.
Die Ausübungen der Religion, die für andere fade und ermüdend sind, bereiten den Seelen, die mit der göttlichen Liebe besessen sind, das größte Vergnügen und Hochgenuss. Sie freuen sich, wenn sie gerufen werden, „zum Hause des Herrn zu gehen“, damit sie „seine Macht und Herrlichkeit sehen dürfen, gleichwie sie ihn schauten im Heiligtum.“ Niemals halten sie sich für glücklicher, als wenn sich selbst in die Gegenwart Gottes gerückt haben und Freundschaft und Gemeinschaft mit ihm zelebrieren, nachdem sie sich von der Welt zurückgezogen haben und vom Lärm und Stress ihrer Angelegenheiten frei geworden sind und all ihre nervigen Leidenschaften zum Schweigen gebracht haben, jene beschwerlichen Gäste im Innern. Sie erfreuen sich daran, seine Perfektion anzubeten und seine Wohltaten aufzuzählen; ihm ihre Liebe zu bekennen und ihm tausendmal zu sagen, dass sie ihn lieben; ihm ihre Sorgen und Nöte vorzulegen und ihre Herzen an seiner Brust auszuschütten. Die Buße selbst ist eine erfreuliche Übung, wenn sie aus dem Prinzip der Liebe hervorgeht. Eine verborgene Süßigkeit begleitet jene Tränen der Reue, jenes Dahinschmelzen und Zerfließen einer Seele, die zu Gott zurückkehrt und ihre frühere Lieblosigkeit beklagt.
Die Strenge eines heiligen Lebens und jene beständige Wachsamkeit über Herz und Wandel, zu der wir verpflichtet sind, sind sehr beschwerlich für jene, die lediglich von einem äußerlichen Gesetz beherrscht und geleitet werden und kein Gesetz in ihrem Geist haben, das sie zur Erfüllung ihrer Pflicht veranlasst. Aber wo göttliche Liebe die Seele besitzt, da steht sie als Wächter, um nichts hineinzulassen, was den Geliebten verletzen könnte, und weist voller Verachtung diejenigen Versuchungen zurück, die die Seele angreifen. Sie kommt nicht nur allen ausdrücklichen Befehlen freudig nach, sondern nimmt auch mit der größten Diskretion Notiz davon, was dem Geliebten Vergnügen bereitet, und sie ist einfallsreich darin, herauszufinden, was für ihn am angenehmsten und befriedigendsten sein würde. Sie lässt Abtötung und Selbstverleugnung ihre harten und schrecklichen Namen verlieren und zu leichten, süßen und entzückenden Dingen werden.
Aber ich merke, dass dieser Teil meines Briefes umfangreicher geworden ist, als ich es beabsichtigt hatte. Wer würde auch nicht versucht sein, bei einem so angenehmen Thema zu verweilen? Ich werde mich jetzt bemühen, das auszugleichen, indem ich mich bei den anderen Punkten kurzfasse.
Der nächste Zweig des göttlichen Lebens ist eine universelle Nächstenliebe bzw. Liebe. Die Grossartigkeit dieser Gnade lässt sich leicht anerkennen; denn was könnte edler und großzügiger sein als ein Herz, das vergrössert worden ist, um die ganze Welt zu umarmen, dessen Wünsche und Absichten auf das Gute und Wohlergehen des Universums gerichtet sind, das jedes Menschen Interesse als sein eigenes betrachtet? Wer seinen Nächsten liebt wie sich selbst, kann niemals einen niedrigen oder verletzenden Gedanken hegen oder es an Ausdrücken der Wohltätigkeit ermangeln lassen. Er würde lieber tausend Ungerechtigkeiten erdulden, als an einer einzigen selbst schuldig zu sein; und er hält sich selbst nie für glücklich, ausser wenn jemand anderem durch ihn Gutes getan worden ist. Die Bosheit oder Undankbarkeit der Menschen ist nicht fähig, seiner Liebe zu widerstehen; er sieht über ihre Kränkungen hinweg und bemitleidet ihre Dummheit, und überwindet ihr Böses mit Gutem; und niemals plant er irgendeine andere Rache an seinen bittersten und heimtückischsten Feinden, als alle Einsprüche, die er kann, für sie einzulegen, ob sie es wollen oder nicht. Es ist kein Wunder, dass eine solche Person verehrt und bewundert wird und als Liebling der Menschheit gesehen wird. Die innere Güte und der Sanftmut des Geistes reflektieren eine gewisse Lieblichkeit und Heiterkeit direkt auf den Gesichtsausdruck und macht diesen liebenswürdig und liebenswert. Sie inspirieren die Seele mit einer heiligen Entschlossenheit und Mut und befähigen sie, die höchsten Dinge zu unternehmen und zu vollbringen. Jene heroischen Taten, von denen wir gewöhnlich mit Bewunderung lesen, sind zum grossen Teil der Effekt von Vaterlandsliebe oder von besonderen Freundschaften; und gewiss muss eine noch umfassendere und universelle Zuneigung noch viel kraftvoller und effektiver sein.
Nochmal: So wie die Nächstenliebe aus einem edlen und grossartigen Temperament fliesst, so wird sie auch von der größten Zufriedenheit und Freude begleitet. Es erfreut die Seele, sich selbst so vergrössert zu fühlen und von jenen beunruhigenden und hässlichen Leidenschaften – Bosheit, Hass und Neid – befreit zu sein und sanft, mild und wohlwollend zu werden. Hätte ich die Wahl unter allen Dingen, die zu meiner gegenwärtigen Glückseligkeit beitragen könnten, so würde ich mich dafür entscheiden: Dass mein Herz von der größten Liebenswürdigkeit und Zuneigung für alle Menschen in der Welt besessen sei. Ich bin sicher, das würde mich an allem Glück der anderen teilhaben lassen, an ihren inneren Gaben und ihrem äußeren Wohlergehen; alles, was ihnen nützte und zugutekäme, würde mir Trost und Freude bereiten. Und auch wenn ich häufig Anlass zu Trauer und Mitleid haben würde, würde im Mitleiden doch eine Süßigkeit liegen, die es unendlich begehrenswerter macht als eine stumpfe Gefühllosigkeit. Und die Betrachtung jener unendlichen Güte und Weisheit, welche die Welt regiert, würde jede übermäßige Besorgnis über einzelnes Unglück, das in ihr geschieht, dämpfen; und die Hoffnung oder Möglichkeit einer künftigen Glückseligkeit der Menschen könnte ihren Jammer über gegenwärtige Schickschalschläge mildern. Gleich nach der Liebe zu Gott und dem Genuss von ihm ist sicher jene brennende Nächstenliebe und Zuneigung, mit der die seligen Seelen einander umarmen, mit Recht als die größte Glückseligkeit jener oberen Regionen anzusehen; und wenn sie allgemein in der Welt vorherrschen würde, dann würde sie jene Seligkeit vorwegnehmen und uns die Freuden des Himmels auf Erden schmecken lassen.
Was ich als einen dritten Zweig der Religion genannt habe, war die Reinheit; und du wirst dich vielleicht erinnern, dass ich sie so beschrieben habe, dass sie aus Verachtung für sinnliche Vergnügungen besteht und einer Entschlossenheit dazu, jene Mühen und Schmerzen auf sich zu nehmen, denen wir bei der Erfüllung unserer Pflicht begegnen mögen. Nun, schon ihre bloße Erwähnung mag genügen, um sie als eine höchst edle und erstklassige Eigenschaft zu empfehlen. Es gibt keine so niedrige Knechtschaft wie jene, in der ein Mensch zum Sklaven seiner eigenen Gelüste wird; und keinen so glorreichen Sieg wie den, der über sie errungen wird. Niemals kann jemand zu etwas Edlem oder Würdigem fähig sein, der in die üblen und üppigen Sinnesfreuden versunken ist oder von den leichten und flüchtigen Reizen der Fantasie verhext ist. Aber die religiöse Seele ist von einem viel erhabeneren und göttlicherem Charakter; sie weiß, dass sie für höhere Dinge geschaffen wurde, und lehnt es ab, auch nur einen Schritt von den Wegen der Heiligkeit abzuweichen, um sich irgendetwas von diesen Dingen zu verschaffen.
Und diese Reinheit wird von einer grossen Menge von Vergnügen begleitet. Was auch immer die Seele beschmutzt, stört sie auch; alle unreinen Vergnügungen haben einen Stachel in sich und ziehen eine Spur von Schmerz und Problemen nach sich. Exzess und Masslosigkeit und alle ungeordneten Lüste sind so schlimme Feinde der Gesundheit des Leibes und der Interessen dieses gegenwärtigen Lebens, dass schon eine geringe Überlegung jeden vernünftigen Menschen dazu zwingen würde, sie allein aus diesem Grunde zu meiden. Und wenn die religiöse Person noch weiter geht und nicht nur auf schädliche Vergnügungen verzichtet, sondern auch auf unschuldige, dann sollte man das nicht als gewaltsame und beschwerliche Einschränkung betrachten, sondern als den Effekt einer besseren Wahl; dass das einzige, was sie im Kopf haben, nur die Verfolgung von erhabeneren und feineren Freuden ist, sodass sie sich um jene anderen nicht mehr kümmern. Jeder, der von einer heftigen und leidenschaftlichen Zuneigung ergriffen ist, wird leicht seine gewöhnlichen Befriedigungen vergessen; wird sich kaum fürs Essen interessieren oder für seine körperliche Behaglichkeit oder für jene Ablenkungen, an denen er sonst immer Freude hatte. Kein Wunder dann, wenn Seelen, die von göttlicher Liebe überwältigt sind, geringere Vergnügungen verachten und beinahe geneigt sind, dem Leib selbst die notwendige Pflege für die gewöhnlichen Bedürfnisse des Lebens zu missgönnen, da sie all dies als unerheblich gegenüber ihrer hauptsächlichen Glückseligkeit ansehen – jenen höheren Freuden, denen sie nachjagen. Und was die Strapazen betrifft, denen sie begegnen mögen, so freuen sie sich über sie als Gelegenheiten, ihre Liebe zu üben und zu bezeugen; und da sie so wenig für Gott tun können, sind sie froh über die Ehre, für ihn zu leiden.
Der letzte Zweig der Religion ist die Demut; und wie sehr das auch in vulgären und fleischlichen Augen als eine erbärmliche, niedrige und verachtenswerte Eigenschaft erscheinen mag, ist die Seele des Menschen wirklich zu keinem höheren und edleren Talent fähig. Es ist eine dumme Unwissenheit, die den Stolz erzeugt. Aber die Demut entspringt aus einer näheren Bekanntschaft mit grossartigen Dingen, welche Menschen davon abhält, sich in Kleinigkeiten zu verlieren oder sich selbst wegen einiger belangloser Errungenschaften zu bewundern. Edle und gebildete Seelen haben keine so hohe Meinung von Reichtümern, Schönheit, Stärke und ähnlichen Vorzügen, dass sie sich selbst dafür wertschätzen würden oder jene verachten würden, denen es daran mangelt. Und was den inneren Wert und echte Güte betrifft, der Sinn, den sie für die göttliche Perfektion haben, lässt sie von allem, was sie bisher erreicht haben, sehr niedrig denken und dass sie sich immer noch mehr anstrengen wollen, sich selbst zu übertreffen, um jener unendlichen Perfektion, die sie bewundern, noch näher zu kommen.
Ich weiß nicht, welche Gedanken die Leute von der Demut haben mögen; aber ich sehe fast jeden so tun, als ob er so sei, und solche Worte und Handlungen meiden, durch die man als arrogant und überheblich gelten könnte, sodass diese, die am meisten nach Lob verlangen, sich scheuen, sich selbst zu rühmen. Was sind diese Komplimente und Umgangsformen, so häufig in unserer gewöhnlichen Konversation, anderes als zahlreiche Beteuerungen der Wertschätzung anderer und der geringen Meinung, die wir von uns selbst haben? Und muss nicht diese Demut ein edles und vortreffliches Talent sein, wenn schon ihre bloßen Schatten als ein so notwendiger Bestandteil guter Erziehung angesehen werden?
Nochmal, diese Gnade wird von einer grossen Menge Glücksgefühl und Gelassenheit begleitet. Die stolze und arrogante Person ist ein Ärgernis für alle, die mit ihr sprechen, aber am meisten für sich selbst: Alles ist genug, um sie zu reizen; aber kaum etwas reicht aus, um sie zufriedenzustellen und zu erfreuen. Sie ist bereit, sich wegen allem, was geschieht, zu streiten, als ob sie selbst eine so bedeutende Person wäre, dass der allmächtige Gott alles tun würde, um sie zu befriedigen und alle Geschöpfe im Himmel und auf Erden sie bedienen und ihrem Willen gehorchen würden. Die Blätter hoher Bäume erzittern bei jedem Windstoß; und jeder Hauch, jedes böse Wort wird einen arroganten Menschen aus der Fassung bringen und quälen. Aber die demütige Person hat den Vorteil, wenn sie verachtet wird, dass niemand niedriger von ihr denken kann, als sie selbst, und deswegen wird sie von der Sache nicht verärgert, sondern kann ganz leicht diese Schmähungen ertragen, die jemand anderen bis in die Seele verwunden. „Der Streit, der durch Übermut entsteht“ verrät einen Mann an tausend Unannehmlichkeiten, denen jene mit sanftmütigem und bescheidenem Temperament selten begegnen. Echte und aufrichtige Demut erzeugt eine Ehrfurcht und Liebe unter allen weisen und einsichtsvollen Menschen; während der Stolz seine eigenen Absichten vereitelt und einen Menschen gerade der Ehre beraubt, die er ihn vortäuschen lässt.
Weil aber die hauptsächlichen Ausübungen der Demut diejenigen sind, die sich auf den allmächtigen Gott beziehen, werden diese deswegen von der größten Zufriedenheit und Süßigkeit begleitet. Es ist unmöglich, das große Vergnügen und die Wonne auszudrücken, die religiöse Menschen in der tiefsten Niederwerfung ihrer Seelen vor Gott empfinden, wenn sie in einem tiefen Bewusstsein für die göttliche Majestät und Herrlichkeit bis auf den Grund ihres Seins hinabsinken (wenn ich so sagen darf) und in der Gegenwart Gottes sich auflösen und verschwinden, durch eine ernsthafte und innige Anerkennung ihrer eigenen Nichtigkeit und der Mangelhaftigkeit und Unvollkommenheit ihrer Errungenschaften; wenn sie den vollen Sinn und Nachdruck des Ausrufs des Psalmisten verstehen: „Herr! Was ist der Mensch?“ und das mit derselben Emotion aussprechen können. Niemals hat irgendein Überheblicher und Ehrgeiziger das Lob und den Beifall der Menschen mit so viel Vergnügen entgegengenommen, wie die Demütigen und Religiösen ihn zurückweisen: „Nicht uns, o HERR, nicht uns, sondern deinem Namen gib Ehre wegen deiner Gnade, wegen deiner Treue!“
So habe ich jetzt etwas von den Vorzügen und Vorteilen der Religion in ihren verschiedenen Zweigen gesprochen; aber ich würde dem Gegenstand sehr unrecht tun, wollte ich behaupten, eine vollständige Darstellung davon gegeben zu haben. Lass uns mit ihr vertraut werden und die Erfahrung wird uns mehr lehren als alles, was jemals darüber gesagt oder geschrieben worden ist. Aber wenn wir annehmen dürfen, dass die Seele bereits zu einem gewissen Verlangen nach einer so großen Seligkeit erwacht ist, wird es gut sein, diesem Verlangen freien Lauf zu lassen und es in etwa in solchen Anstrengungen zum Ausdruck zu bringen wie diesen:
EIN GEBET
Guter Gott! Was für eine gewaltige Glückseligkeit ist es doch, zu der wir berufen sind! Wie gnädig hast du unsere Pflicht mit unserem Glück verbunden und uns das als Aufgabe vorgeschrieben, dessen Vollbringung selbst schon ein großer Lohn ist! Und sollen solch törichten Würmer zu einer so grossen Höhe erhoben werden? Wirst du uns erlauben, unsere Augen zu dir zu erheben? Wirst du unsere Zuneigung zulassen und akzeptieren? Sollen wir den Eindruck deiner göttlichen Perfektion empfangen, indem wir sie betrachten und bewundern, und an deiner unendlichen Seligkeit und Herrlichkeit teilhaben, indem wir dich lieben und uns in dir freuen? O die Glückseligkeit jener Seelen, die die Fesseln der Selbstliebe zerbrochen und ihre Affekte von jedem engen und individuellen Gut gelöst haben! Deren Verstand durch deinen Heiligen Geist erleuchtet wird und deren Wille bis zum Ausmass des deinigen ausgedehnt ist! Die dich über alle Dinge lieben und die ganze Menschheit um deinetwillen! Ich bin überzeugt, o Gott, ich bin überzeugt, dass ich niemals glücklich sein kann, bis meine fleischlichen und verdorbenen Neigungen abgetötet sind, und der Stolz und die Eitelkeit meines Geistes überwunden sind, und bis ich ernstlich so weit bin, die Welt zu verachten und nichts von mir selbst zu halten. Aber oh, wann wird es so weit sein? O wann wirst du zu mir kommen und meine Seele mit deinem Ebenbild erfüllen, und mich heilig machen, so wie du heilig bist, in meinem ganzen Wandel? Hast du mir eine Aussicht auf eine so große Seligkeit gegeben und wirst mich nicht dahinführen? Hast du diese Sehnsucht in meiner Seele geweckt und wirst sie nicht auch stillen? Lehre mich tun nach deinem Wohlgefallen, denn du bist mein Gott! Dein guter Geist leite mich in ebenes Land! Um deines Namens willen, HERR, belebe mich! Und vollende das, was mich betrifft; o Herr, deine Gnade währt ewig. Gib die Werke deiner Hände nicht auf.
