Das Leben Gottes in der Seele des Menschen von Henry Scougal – Teil I
Über Religion, das natürliche und das göttliche Leben und die Veranschaulichung der göttlichen Liebe in unserem gesegneten Erlöser
Mein lieber Freund,
diese Bezeichnung verleiht dir einen Anspruch auf alle Bemühungen, durch die ich deinen Interessen dienen kann; und deine frommen Neigungen wirken so glücklich mit meiner Pflicht zusammen, dass ich nicht aus dem Rahmen fallen muss, um dich zufriedenzustellen, sondern ich darf einen Akt der Freundschaft verrichten und gleichzeitig mein Amt ausüben, weil die Förderung von Tugend und Heiligkeit (von der ich hoffe, dass du sie zu deinem wichtigsten Studium machst) das eigentliche Geschäft meines Berufes ist. Deswegen ist jetzt die passende Gelegenheit, durch die ich dir meine Zuneigung und Dankbarkeit ausdrücken kann; und ich will die Erfüllung des Versprechens, das ich dir zu diesem Zweck gegeben habe, nicht länger aufschieben. Denn obwohl ich weiß, dass du versorgt bist mit besserer Hilfe, als ich sie dir anbieten kann, und dass du hier auch kaum auf etwas treffen wirst, was du nicht schon vorher gewusst hast, so hoffe ich trotzdem, dass etwas, was von einem kommt, den du freundlicherweise mit deiner Freundschaft ehrst, und was ganz besonders für deinen Gebrauch konzipiert worden ist, von dir freundlich angenommen werden wird; und Gottes Vorsehung mag meine Gedanken vielleicht so lenken, dass das eine oder andere sich für dich als nützlich erweisen möge. Auch zweifle ich nicht an deiner Nachsicht, wenn ich, um meine Abhandlung in eine bessere Form zu bringen, ein niedriges Fundament lege und mit der Natur und den Eigenschaften der Religion beginne und dabei meinen Gedanken bei der Behandlung des Themas einen solchen freien Lauf lasse, der mich eventuell dazu bringen könnte, viele Dinge zu sagen, die gar nicht notwendig wären, wenn ich nur berücksichtigen würde, an wen ich schreibe.
Ich kann nicht über Religion sprechen, ohne mich darüber beklagen zu müssen, dass unter so vielen, die Anspruch darauf erheben, so wenige verstehen, was sie bedeutet. Die einen verorten sie im Verständnis, in orthodoxen Vorstellungen und Meinungen; und alles, was sie über ihre Religion berichten können, ist, dass sie zu dieser oder jener Glaubensrichtung gehören und dass sie sich einer dieser vielen Gruppierungen angeschlossen haben, in welche die Christenheit unglücklicherweise aufgeteilt ist. Andere verorten sie im äußerlichen Menschen, in einer permanenten Abfolge von äußerlichen Pflichten und einem Modell von Leistungen. Wenn sie friedlich mit ihren Nachbarn leben, eine maßvolle Diät halten, die regelmäßigen Zeiten des Gottesdienstes einhalten, die Kirche aufsuchen oder ihre Kammer, und gelegentlich ihre Hände ausstrecken, um den Armen Erleichterung zu verschaffen, dann denken sie, dass sie sich damit genügend bewährt haben. Andere wiederum stecken die ganze Religion in die Emotionen, in entzückte Herzen und ekstatische Hingabe; und ihr einziges Ziel ist es, mit Leidenschaft zu beten und mit Vergnügen an den Himmel zu denken und von diesen freundlichen und dahinschmelzenden Bekundungen tief bewegt zu sein, mit denen sie ihren Heiland umwerben, bis sie sich selbst überreden, dass sie heftig in ihn verliebt seien, und von daraus eine große Zuversicht hinsichtlich ihrer Errettung ziehen, welche sie für die wichtigste von allen christlichen Gnaden halten. Und so werden diese Dinge, die irgendwie Ähnlichkeit mit Frömmigkeit haben und im besten Fall nichts anderes sind als besondere Übungen in ihr oder einfach Mittel dazu, um sie zu bekommen, sehr oft fälschlicherweise für die volle Religion gehalten; ja manchmal tarnen sich auch Boshaftigkeit und Laster unter diesem Namen. Ich rede jetzt nicht von diesen krassen Pietätlosigkeiten, mit denen die Heiden für gewöhnlich ihre Götter verehrten. Es gibt nur zu viele Christen, die ihre Laster heiligen und ihren verdorbenen Affekten freien Lauf lassen; deren derber Humor und verdrießlicher Stolz als christliche Ernsthaftigkeit durchgehen soll; deren heftiger Zorn und bittere Wut gegen ihre Feinde heiliger Eifer genannt werden soll; deren Unverschämtheit gegenüber ihren Vorgesetzten oder Rebellion gegen ihre Regierenden als christlicher Mut und Entschlossenheit bezeichnet werden soll.
Aber sicherlich ist Religion etwas ganz anderes; und die, welche mit ihr vertraut sind, werden ganz andere Gedanken hegen und all diese Schatten und falschen Nachahmungen von ihr verachten. Sie wissen aus Erfahrung, dass echte Religion eine Vereinigung der Seele mit Gott ist, eine echte Teilhaberschaft an der göttlichen Natur, das exakte Bild Gottes auf die Seele gemalt oder, wie es der Apostel ausdrückt: „Es ist Christus, der in uns Gestalt angenommen hat.“ Kurz gesagt, ich weiß nicht, wie das Wesen der Religion umfassender ausgedrückt werden kann, als wenn man sie „ein göttliches Leben“ nennt; und unter diesem Begriff will ich meine Abhandlung von ihr schreiben und als erstes zeigen, warum sie „ein Leben“ genannt wird, und dann, warum dieses „göttlich“ genannt wird.
Ich habe mich dazu entschieden, sie mit der Bezeichnung „Leben“ auszudrücken, erstens wegen ihrer Beständigkeit und Stabilität. Religion ist keine plötzliche Eingebung oder Leidenschaft des Geistes, auch dann nicht, wenn sie sich bis zur Verzückung steigern sollte und einen Menschen zu außerordentlichen Leistungen berauschen zu scheint. Es gibt einige, die davon überzeugt sind, dass es notwendig ist, etwas für die Errettung ihrer Seelen tun zu müssen, was sie vielleicht mit sehr viel Hast für einige Schritte vorwärtstreibt; aber sogleich machen sie schlapp und geben es wieder auf. Sie glühten vor Leidenschaft, aber jetzt sind sie wieder abgekühlt; sie schossen frisch und hoch empor, aber sie sind schnell wieder verdorrt, weil sie keine Wurzel in sich selbst hatten. Diese plötzlichen Regungen lassen sich mit den heftigen, krampfartigen Bewegungen von eben erst enthaupteten Körpern vergleichen, die durch die Bewegungen der Lebensgeister verursacht werden, nachdem die Seele gewichen ist, welche nicht von langer Dauer sein können, egal wie heftig und stürmisch sie auch sein mögen; wohingegen die Regungen heiliger Seelen beständig und gleichmäßig sind, weil sie einem permanenten und lebendigen Prinzip entspringen. Es stimmt, dieses göttliche Leben verläuft nicht immer gleichmäßig in der gleichen Kraft und Frische, sondern erleidet sehr oft traurige Zusammenbrüche; und heilige Männer stoßen dann auf größere Schwierigkeiten, Versuchungen zu widerstehen und besitzen weniger Eilfertigkeit für die Erfüllung ihrer Pflichten. Aber trotzdem ist es nie völlig ausgelöscht, und sie sind auch nicht der Macht jener verderbten Affekte vollkommen ausgeliefert, die den Rest der Welt bestimmen und beherrschen.
Nochmal: Religion kann mit dem Begriff „Leben“ bezeichnet werden, weil sie ein inneres, freies und selbstbewegendes Prinzip ist; und diejenigen, die darin Fortschritte gemacht haben, werden nicht nur von äußeren Motiven angetrieben oder allein durch Drohungen motiviert, auch nicht mit Verheißungen bestochen oder durch Gesetze gezwungen; sondern sie sind stark dem zugeneigt, was gut ist, und haben große Freude daran, es auszuüben. Die Liebe, die ein frommer Mann für Gott und das Gute empfindet, kommt nicht so sehr aus der Tugend eines Gebots, das ihn dazu verpflichtet, so zu handeln, sondern aus einer neuen Natur, die ihn darin unterrichtet und dazu anspornt; und er sieht seine Andachten auch nicht als einen unvermeidlichen Tribut, der nur dazu dient, die göttliche Gerechtigkeit zu besänftigen oder sein schreiendes Gewissen zu beruhigen; sondern diese religiösen Übungen sind die angemessenen Ausstrahlungen des göttlichen Lebens, die natürlichen Beschäftigungen der neugeborenen Seele. Er betet und bedankt sich und tut Busse, nicht nur, weil diese Dinge vorgeschrieben werden, sondern vielmehr, weil er sensibilisiert ist für seine Mängel und für die göttliche Güte und für die Dummheit und das Elend eines sündhaften Lebens. Seine Nächstenliebe und Almosen sind nicht erzwungen; seine Liebe macht ihn willig zu geben, und auch ohne äußere Verpflichtung würde sein Herz sich grosszügige Dinge ausdenken. Ungerechtigkeit oder Maßlosigkeit und alle anderen Laster sind seinem Wesen und seiner Konstitution so entgegengesetzt wie die niederträchtigsten Handlungen dem großherzigsten Geist, und Dreistigkeit und Obszönität denen, die von Natur aus anständig sind. So dass ich treffend mit dem heiligen Johannes sagen kann: „Wer aus Gott geboren ist, der tut keine Sünde; denn sein Same bleibt in ihm, und er kann nicht sündigen, denn er ist aus Gott geboren.“Obwohl heilige und religiöse Personen sehr auf das Gesetz Gottes achten und es sehr schätzen, ist es doch nicht so sehr die Strafandrohung des Gesetzes, sondern seine Vernünftigkeit, Reinheit und Tugend, was sie dominiert. Sie sind davon überzeugt, dass es ausgezeichnet ist und erstrebenswert an sich, und dass eine große Belohnung darin liegt, es zu befolgen; und diese göttliche Liebe, von der sie angetrieben werden, lässt sie sich selbst zu einem Gesetz werden.
Wer will denen Gesetze vorschreiben, die lieben?
Sie werden doch selbst durch das viel stärkere Liebes-Gesetz angetrieben.
In einem Wort: Was unser seliger Erlöser über sich selbst sagte, ist in gewissem Maße auch auf seine Anhänger anwendbar, dass es „ihre Speise ist, den Willen ihres Vaters zu tun.“Und so wie der natürliche Appetit auf Essen ausgerichtet ist, auch wenn wir nicht darüber nachdenken, dass wir es benötigen, um am Leben zu bleiben, so werden sie mit einer natürlichen und ungezwungenen Vorliebe zu dem, was gut und lobenswert ist, hingezogen. Es stimmt, äußere Beweggründe sind oft sehr nützlich, um dieses innere Prinzip anzuregen und zu beleben, ganz besonders in seiner Anfangsphase und Schwäche, wenn es oft so matt ist, dass die Person selbst es kaum wahrnehmen kann; kaum dazu fähig, einen Schritt nach vorne zu machen, außer wenn sie durch ihre Hoffnungen oder ihre Furcht geschubst wird, durch den Druck einer Not oder die Empfindung einer Wohltat, durch die Autorität des Gesetzes oder durch die Überzeugung durch andere. Nun, wenn so jemand in seinem Gehorsam gewissenhaft und gleichförmig ist, und ernsthaft unter dem Gefühl seiner Schwerfälligkeit stöhnt und sich sehnsüchtig wünscht, seine Pflichten mit mehr Geist und frischer Kraft erfüllen zu können, so sind das die ersten Regungen des göttlichen Lebens, das, auch wenn es noch schwach und blass ist, ganz sicher durch die Einflüsse des Himmels genährt werden wird und zur größeren Reife heranwachsen wird. Aber jemand, dem es an diesem inneren Prinzip vollkommen mangelt, und der nicht danach strebt, sondern sich mit jenen Leistungen zufriedengibt, zu denen er durch Erziehung oder Tradition aufgefordert wird, durch die Furcht vor der Hölle oder durch fleischliche Vorstellungen vom Himmel, kann genauso wenig als eine religiöse Person gelten, wie eine Puppe ein Mensch genannt werden kann. Diese erzwungene und künstliche Religion ist für gewöhnlich schwerfällig und matt, so wie die Bewegung eines Gewichts, das man nach oben zwingt. Sie ist kalt und geistlos, so wie eine Frau, die gegen ihren Willen verheiratet wurde, sich in ihre Pflichten gegenüber einem Ehemann, den sie nicht liebt, mit Unbehagen fügt und sie aufgrund eines Sinns für Tugend oder Ehre erfüllt. Deswegen ist diese Religion auch karg und geizig, ganz besonders in jenen Pflichten, welche den fleischlichen Neigungen der Menschen am meisten Gewalt antun; und diese sklavischen Geister werden kein Risiko eingehen, jemals mehr zu tun, als was unbedingt verlangt wird. Es ist ein Gesetz, das sie zwingt, und sie sind sehr abgeneigt, über das, was ihnen auferlegt wird, hinauszugehen; ja, sie werden es stets so auslegen, dass es ihnen die größtmögliche Freiheit lässt. Wohingegen der Geist der echten Religion freigebig und großherzig ist, weit entfernt von solch verdrießlicher und kleinlicher Berechnung; und wer sich selbst Gott ganz hingegeben hat, wird niemals denken, dass er für ihn zu viel tun würde.
Inzwischen hoffe ich, dass deutlich geworden sein dürfte, dass Religion aus sehr gutem Grund als ein „Leben“ oder „lebendiges Prinzip“ bezeichnet wird, und dass es sehr notwendig ist, zwischen diesem und jenem Gehorsam zu unterscheiden, der erzwungen ist und von äußeren Ursachen abhängt. Als nächstes werde ich begründen, warum ich sie als „Göttliches Leben“ bezeichnet habe; und so sollte sie genannt werden, nicht nur in Bezug auf ihre Quelle und Ursprung, weil sie Gott zum Urheber hat und in den Seelen der Menschen durch die Kraft seines Heiligen Geistes gewirkt wird; sondern auch in Bezug auf ihr Wesen, denn Religion ist ein Abbild der göttlichen Perfektion, das Ebenbild des Allmächtigen, das in der Seele des Menschen aufleuchtet; ja, sie ist eine echte Teilhaberschaft an seinem Wesen, sie ist ein Strahl des ewigen Lichtes, ein Tropfen jenes unendlichen Ozeans von Güte; und von denjenigen, die damit begnadet worden sind, kann man mit Recht sagen, dass „Gott in ihren Seelen wohnt und Christus in ihnen Gestalt gewonnen hat.“
Bevor ich zu einer etwas präziseren Betrachtung jenes göttlichen Lebens, worin die wahre Religion besteht, übergehe, wird es vielleicht angebracht sein, ein wenig von jenem natürlichen oder animalischen Leben zu sprechen, das in denen vorherrscht, denen das andere Leben fremd ist; und darunter verstehe ich nichts anderes als dass wir uns zu diesen Dingen hingezogen fühlen, welche der Natur angenehm und akzeptabel sind; unsere Selbstliebe, die hervorbricht und sich in so viele Zweige ausbreitet, wie die Menschen verschiedene Lüste und Neigungen haben. Ich vermute, dass die Wurzel und Grundlage des animalischen Lebens die Sinnlichkeit ist, im weiten Sinn genommen, insofern als dass sie dem Glauben entgegengesetzt ist und unsere Wahrnehmung und Empfindung von diesen Dingen beinhaltet, die für uns entweder dankbar oder lästig sind. Nun, diese animalischen Affekte sind, für sich betrachtet und so wie sie uns von der Natur eingepflanzt sind, nicht schlimm oder tadelnswert; ja, sie sind Belege für die Weisheit des Schöpfers, der seine Geschöpfe mit solchen Wünschen ausgestattet hat, die auf die Erhaltung und das Wohlergehen ihres Lebens abzielen. Sie sind für die unvernünftigen Tiere anstelle eines Gesetzes gemacht, wodurch sie auf die Ziele hingelenkt werden, zu denen sie geschaffen wurden. Aber der Mensch, der zu höheren Zwecken erschaffen wurde und dazu, von feineren Gesetzen geleitet zu werden, wird schuldig und kriminell, wenn er sich von den Neigungen dieses niedrigeren Lebens so weit hinreißen lässt, dass er seine Pflicht verletzt oder die höheren und edleren Absichten seiner Erschaffung vernachlässigt. Unsere natürlichen Affekte sollen nicht völlig ausgerottet und zerstört werden, sondern nur gemildert und überstimmt werden von einem überlegenen und feineren Prinzip. Kurz gesagt: Der Unterschied zwischen einem religiösen und einem gottlosen Mann besteht darin, dass in dem einen das göttliche Leben regiert und in dem anderen das animalische Leben vorherrscht.
Aber ist es nicht merkwürdig zu beobachten, auf welche ganz unterschiedlichen Wege dieses natürliche Prinzip diejenigen, die ganz von ihm geleitet werden, bringen kann, je nach den verschiedenen Umständen, die am Wirken sind und ihr Leben bestimmen? Ganz zu schweigen davon, dass das oft sehr gefährliche Fehler verursacht, indem es die Menschen gut von sich selbst denken lässt, aufgrund eines scheinbaren Unterschieds zwischen ihnen selbst und anderen, wo doch in Wahrheit ihre Handlungen die ganze Zeit über aus ein und derselben Quelle fließen. Wenn wir das natürliche Wesen und die Beschaffenheit der Seelen der Menschen bedenken, dann werden wir feststellen, dass einige luftig, ausgelassen und leicht sind, was ihr Verhalten extravagant und lächerlich macht; wohingegen andere von Natur aus ernst und streng sind, und ihr ganzes Auftreten von solcher Schwere geprägt ist, dass es ihnen eine ganze Menge Achtung und Ansehen verschafft. Manche sind von humorlosem, rauem und mürrischem Wesen und können sich weder selbst freuen noch ertragen, dass andere das tun. Aber nicht alle sind mit solch sauren und unglücklichen Anlagen geboren; denn einige Personen, haben eine gewisse Liebenswürdigkeit und Güte in ihren Naturen verwurzelt und sie finden ihr größtes Vergnügen in der Beliebtheit in der Gesellschaft und in der gegenseitigen Selbstgefälligkeit von Freunden und wünschen sich nichts mehr, als dass jeder ihnen zu Dank verpflichtet ist. Und es ist gut, dass die Natur diese Art von Zärtlichkeit zur Verfügung gestellt hat, um den Mangel an wahrer Nächstenliebe in der Welt zu versorgen und um die Menschen dazu zu bewegen, etwas für das Wohl anderer zu tun. Bezüglich der Erziehung wurde manchen Leuten nie beigebracht, irgendwelchen anderen Regeln zu folgen als denen des Vergnügens oder des Vorteils; und andere wiederum sind so sehr daran gewöhnt, die strengsten Regeln von Anstand und Ehre und Tugendhaftigkeit zu beachten, dass sie kaum dazu fähig sind, irgendetwas zu tun, von dem sie es gewohnt sind, es als niedrig und unwürdig anzusehen.
Letztendlich besteht kein geringer Unterschied im Benehmen bloßer natürlicher Menschen, das sich aus der Stärke oder Schwäche ihres Verstandes oder Urteils ergibt, sowie aus der Sorgfalt oder Nachlässigkeit, mit der sie diese gebrauchen. Unmäßigkeit und Lüste, Ungerechtigkeit und Unterdrückung und all diese anderen Pietätlosigkeiten, die in der Welt im Überfluss vorhanden sind und sie so elend machen, sind die Folgen der Selbstliebe, die Wirkung des animalischen Lebens, wenn es weder durch Religion außer Kraft gesetzt noch durch die natürliche Vernunft regiert wird; aber wenn man einmal die Vernunft ergreift und Urteilskraft und Verstand auf seine Seite zieht, dann wird man immer häufiger die gröberen Arten an Lastern verachten und sich zu sehr schönen Nachahmungen von Tugend und Güte erheben. Wenn ein Mensch gerade so viel Vernunft hat, als die Nachteile zu bedenken, die Unmäßigkeit und ungeordnete Lüste seiner Gesundheit, seinem Vermögen und seinem Ruf zufügen, dann kann die Selbstliebe genügen, um ihn davon zurückzuhalten; und man kann die Regeln der moralischen Gerechtigkeit im Umgang mit anderen als den besten Weg beachten, um seine eigenen Interessen zu sichern und sein Ansehen in der Welt zu bewahren. Aber das ist nicht alles, denn dieses natürliche Prinzip kann mit Hilfe der Vernunft einen höheren Flug nehmen und den Beispielen für Frömmigkeit und Religion näherkommen; es kann einen Menschen sich dem eifrigen Studium göttlicher Wahrheiten zuneigen lassen; denn warum sollten diese Spekulationen für neugierige und forschende Geister nicht so angenehm und dankbar sein wie andere Themen? Es kann Menschen dazu anspornen, ihre Meinungen zu vertreten, sie aufrechtzuerhalten und zu propagieren, und den großen Wunsch zu haben, dass andere sich ihrem Urteil anschließen sollen und dieselbe Wahl der Religion treffen, die sie selbst getroffen haben. Es kann ihnen großes Vergnügen bereiten, ausgezeichnete Abhandlungen über religiöse Fragen zu hören und zu verfassen; denn Eloquenz ist sehr erfreulich, egal zu welchem Thema. Ja, manche mag es in nicht geringe Höhen von sinnlicher Hingabe versetzen. Die herrlichen Dinge, die vom Himmel geredet werden, können sogar ein fleischliches Herz sich darin verlieben lassen; die Metaphern und Gleichnisse, die in der Schrift gebraucht werden von Kronen und Zeptern und von Strömen der Freude usw. werden leicht die Fantasie eines Menschen anregen und werden ihn sich wünschen lassen, dort zu sein, obwohl er jene geistlichen Freuden, die dadurch beschrieben und vorgeschattet werden, weder versteht noch sich danach sehnt; und wenn so jemand dann zu dem Glauben kommt, dass Christus diese herrlichen Dinge für ihn erworben hat, dann mag er eine Art von Zärtlichkeit und Zuneigung zu so einem großen Wohltäter empfinden und sich einbilden, dass er sehr heftig in ihn verliebt sei, und doch trotzdem die ganze Zeit weiter dem heiligen Wesen und Geist des gesegneten Jesus gegenüber fremd bleiben; und in letzter Zeit haben mehrere gelehrte und kluge Schriftsteller anhand der verzückten Hingaben von manchen melancholischen Personen auf ausgezeichnete Weise aufgedeckt, welche Hand die natürliche Konstitution dabei im Spiel haben mag
Also, nichts ist dazu geeignet, um das Leben eines Menschen erfreulich zu machen oder um ihn selbst in der Welt herausragend und angesehen zu machen, außer wenn dieses natürliche Prinzip, unterstützt durch Verstand und Vernunft, ihn dazu veranlasst. Und obwohl ich diese Dinge an sich nicht verdamme, so betrifft es uns doch alle, ihre Charaktereigenschaften zu kennen und zu berücksichtigen: damit wir uns innerhalb der gebührenden Schranken halten, und damit wir außerdem lernen, uns niemals selbst aufgrund solcher Errungenschaften wertzuschätzen oder die Betonung der Religion auf unsere natürlichen Affekte oder Leistungen zu legen.
Jetzt ist es Zeit, zur Betrachtung dieses göttlichen Lebens zurückzukehren, von dem ich zuvor gesprochen habe, jenes Lebens, das mit Christus verborgen ist in Gott; und deshalb keine herrliche Darbietung oder Erscheinung in der Welt hat und dem natürlichen Menschen als eine geringe und fade Idee vorkommen wird. So wie das animalische Leben aus dieser engen und begrenzten Liebe besteht, die auf das Selbst eines Menschen beschränkt ist und in seiner Neigung zu diesen Dingen, welche der Natur erfreulich sind; so besteht das göttliche Leben aus einer universellen und unbegrenzten Zuneigung und in der Beherrschung unserer natürlichen Affekte, damit diese niemals dazu in der Lage sein mögen, uns an jene Dinge zu verraten, von denen wir wissen, dass sie tadelnswert sind. Die Wurzel des göttlichen Lebens ist Glaube; die Hauptzweige sind Liebe zu Gott, Nächstenliebe zum Menschen, Reinheit und Demut. Denn, wie ein ganz ausgezeichneter Mann es treffend bemerkt hat, wie gewöhnlich und unbedeutend auch immer diese Bezeichnungen sein mögen und keinen außergewöhnlichen Klang haben, so tragen sie doch eine so gewaltige Bedeutung, dass die Zunge von Menschen oder Engeln nichts Gewichtigeres oder Herrlicheres aussprechen kann. Glaube hat denselben Platz im göttlichen Leben, den die Sinne im natürlichen haben; weil er in Wahrheit nichts anderes ist als das Empfinden der Überzeugung von geistlichen Dingen oder eine Art von Sinn dafür; er erstreckt sich selbst auf alle göttlichen Wahrheiten; aber in unserem gefallenen Zustand hat er einen ganz besonderen Bezug auf die Verkündung von Gottes Barmherzigkeit und Versöhnlichkeit gegenüber den Sündern durch einen Mittler; und weil er seine Bezeichnung von diesem Hauptaspekt erhält, wird er üblicherweise als Glaube an Jesus Christus bezeichnet.
Die Liebe zu Gott ist ein höchst angenehmer und liebevoller Sinn für die göttliche Perfektion, welcher die Seele dazu bringt, sich ihm zu ergeben und sich selbst ihm vollkommen zu opfern, und sich mehr alles andere zu wünschen, ihn zu erfreuen, und an nichts so sehr Vergnügen zu empfinden wie an Gesellschaft und Gemeinschaft mit ihm; und bereit dazu zu sein, egal was zu tun oder zu erleiden um seinetwillen oder für seine Freude. Obwohl diese Zuneigung zuerst von den Wohltaten und Gnaden Gottes uns gegenüber herkommen mag, transzendiert sie trotzdem in ihrem Wachstum und Fortschritt solche besonderen Betrachtungen und gründet sich selbst auf seiner unendliche Güte, offenbart in all den Werken der Schöpfung und der Vorsehung. Eine Seele, die so von göttlicher Liebe besessen ist, muss unbedingt gegenüber der ganzen Menschheit erweitert werden, in aufrichtiger und unbegrenzter Zuneigung, wegen der Beziehung, welche die anderen Menschen zu Gott haben, weil sie seine Geschöpfe sind und etwas von seinem Bild auf sich eingeprägt haben. Und das ist diese Nächstenliebe, die ich als den zweiten Zweig der Religion genannt habe, und unter welcher alle Teile der Gerechtigkeit, all die Pflichten, die wir unserem Nächsten schuldig sind, hervorragend zusammengefasst sind. Denn wer wirklich die ganze Welt liebt, wird um die Interessen von jedem Einzelnen zutiefst besorgt sein, und so weit davon entfernt sein, irgendjemandem Unrecht zu tun oder ihn zu verletzen, dass er sich an jedem Übel, das andere trifft, so stört, als wäre es ihm selbst widerfahren.
Unter Reinheit verstehe ich eine passende Abstraktion vom Körper und Beherrschung über die niedrigen Gelüste; oder ein derartiges Temperament bzw. Geistesverfassung, was einen Menschen alle Vergnügungen und Freuden der Sinne oder der Fantasie verachten und sie meiden lässt, welche an sich sündhaft sind oder dazu neigen, unseren Geschmack an göttlicheren und intellektuelleren Freuden abzuschwächen oder zu ersticken; was auch eine entschlossene Bereitschaft mit einschließt, alle diese Mühen zu ertragen, auf die man bei der Erfüllung seiner Pflicht stossen wird; sodass nicht nur Keuschheit und Mäßigung, sondern auch christlicher Mut und Großmütigkeit unter diesen Begriff fallen.
Demut bedeutet ein tiefes Empfinden unserer eigenen Schäbigkeit, verbunden mit einer herzlichen und emotionalen Anerkennung, dass wir alles, was wir sind, der göttlichen Güte verdanken; was immer von einer gründlichen Unterwerfung unter den Willen Gottes begleitet wird und einer großen Abgestorbenheit gegenüber dem Ruhm der Welt und dem Beifall der Menschen.
Das ist die höchste Perfektion, zu denen Menschen oder Engel fähig sind – das Fundament des Himmels selbst, in die Seele gelegt; und wer sie erlangt hat, der braucht nicht danach zu verlangen, in die verborgenen Schriftrollen von Gottes Ratschlüssen zu spicken, oder die Buchbände des Himmels zu durchsuchen, um zu erfahren, was über seinen ewigen Zustand beschlossen ist; denn er kann eine Kopie der ihn betreffenden Gedanken Gottes in seiner eigenen Brust geschrieben finden. Seine Liebe zu Gott mag ihm die Gewissheit von Gottes Gunst ihm gegenüber geben; und diese Anfänge der Glückseligkeit, die er in der Übereinstimmung der Kräfte seiner Seele mit der Natur Gottes und in der Einhaltung seines Willens empfindet, sind ein sicheres Pfand dafür, dass sein Glück perfekt gemacht werden wird und in alle Ewigkeit fortdauern wird. Und nicht ohne Grund hat einer gesagt: „Ich wollte lieber die echten Abdrücke einer gottähnlichen Natur auf meiner eigenen Seele sehen, als eine Vision vom Himmel zu erhalten oder einen Engel gesandt zu bekommen, um mir zu sagen, dass mein Name im Buch des Lebens aufgeschrieben sei.“
Auch wenn wir alles gesagt haben, was wir können, können die verborgenen Geheimnisse einer neuen Natur und eines göttlichen Lebens niemals ausreichend ausgedrückt werden: Sprache und Worte erreichen sie nicht und sie können auch nicht wirklich verstanden werden, außer von den Seelen, die innerlich entzündet worden sind und zum Empfinden und Schmecken geistlicher Dinge erweckt worden sind: „Es ist der Geist im Menschen, und der Odem des Allmächtigen, der sie verständig macht.“ Die Kraft und das Leben der Religion lassen sich wohl in Taten besser ausdrücken als in Worten; weil Taten lebendigere Dinge sind und das innerliche Prinzip besser repräsentieren, aus dem sie hervorgehen; und deswegen können wir das beste Maß dieser gütigen Schenkungen aus dem Benehmen derer nehmen, in denen sie wohnen, ganz besonders, weil sie auf perfekte Weise im heiligen Leben unseres gesegneten Erlösers veranschaulicht werden, dessen Aufgabe in dieser Welt es zum großen Teil war, durch seine Praxis zu lehren, was er von anderen verlangte, und seine eigene Konversation zu einem genauen Abbild jener unvergleichlichen Regeln zu machen, die er vorschrieb; so dass, wenn jemals wahres Gutsein für sterbliche Augen sichtbar gewesen ist, dann damals, als seine Gegenwart diese untere Welt schöner machte und erleuchtete.
Jene aufrichtige und andächtige Zuneigung, mit der seine gesegnete Seele beständig gegenüber seinem himmlischen Vater brannte, drückte sich selbst in einer völligen Ergebung in dessen Willen aus; genau das war für ihn „Speise, den Willen dessen zu tun und sein Werk zu vollenden, der ihn gesandt hatte.“ Das war die Übung seiner Kindheit und die beständige Aufgabe seines reiferen Alters. Er scheute weder Weg noch Mühe, solange er in den Angelegenheiten seines Vaters tätig war, sondern zog auf diese Weise unendliche Zufriedenheit und Erfüllung aus ihrer Ausübung, so wie damals, als er müde und matt von der Reise am Jakobsbrunnen rastete und die samaritanische Frau um Wasser bat. Der Erfolg seiner Unterredung mit ihr und der Zuwachs, den das Reich Gottes dadurch erhielt, erfüllten seinen Geist mit solcher Freude, dass sie sich auf seinen Körper selbst zu übertragen schien, und seine Lebensgeister erfrischte und ihn den Durst vergessen ließ, über den er sich vorher noch beklagt hatte, und die Speise ablehnen ließ, die er seine Jünger zu kaufen geschickt hatte. Und er war auch nicht weniger geduldig und unterwürfig darin, den Willen Gottes zu ertragen, als fleißig darin, ihn zu tun. Er erduldete die schlimmsten Leiden und die extremsten Qualen, die jemals einem Sterblichen auferlegt wurden, ohne einen murrenden Gedanken oder ein unzufriedenes Wort. Denn obwohl er weit von stumpfer Unempfindlichkeit oder einer wunderlichen oder stoischen Sturheit entfernt war und ein ebenso feines Schmerzempfinden hatte wie andere Menschen und in seiner Seele die größte Befürchtung davor hatte, was er leiden sollte, (wie sein blutiger Schweiß und die tiefe Bestürzung und Traurigkeit, die er selbst bekannte, zur Genüge bezeugen) unterwarf er sich trotzdem ganz dieser strengen Verfügung der Vorsehung und fügte sich ihr bereitwillig.
Und er betete zu Gott, dass wenn es möglich wäre (oder, wie einer der Evangelisten es ausdrückt: „wenn du willst“), dass dieser Kelch an ihm vorübergehe; und doch fügte er sanft hinzu: „doch nicht mein Wille, sondern der deine geschehe!“ Von welch seltsamer Wichtigkeit sind diese Äußerungen in Johannes 12,27, wo er zuerst die Qualen seines Geistes eingesteht: „Jetzt ist meine Seele erschüttert“, (was ein kurzes Zögern zu verursachen schien) „und was soll ich sagen?“ Und dann fährt er fort, seine Leiden abzulehnen: „Vater, hilf mir aus dieser Stunde“; kaum hat er das ausgesprochen, da nimmt er es sozusagen, nachdem er noch einmal darüber nachgedacht hat, mit diesen Worten wieder zurück: „Doch darum bin ich in diese Welt gekommen“, und schließt mit den Worten: „Vater, verherrliche deinen Namen.“ Nun, wir sollten das auf keinen Fall als irgendeine Leichtfertigkeit oder tadelnswerte Schwäche beim gesegneten Jesus ansehen. Er wusste schon die ganze Zeit über, was er zu leiden haben würde, und unterzog sich dem mit der größten Entschlossenheit. Aber es zeigt uns die unbegreifliche Last und den Druck, die er auszuhalten haben würde, an die er, weil sie so schmerzlich und der Natur so entgegengesetzt waren, nicht ohne Schrecken denken konnte; und trotzdem war er nicht nur damit einverstanden, sondern sogar bereitwillig es zu erleiden, weil er den Willen Gottes bedachte und die Herrlichkeit, die daraus auf ihn zurückfallen würde.
Ein weiteres Beispiel seiner Liebe zu Gott war seine große Freude daran, sich mit Gott im Gebet zu unterhalten, was ihn sich oft von der Welt zurückziehen und ihn mit der größten Hingabe und Vergnügen ganze Nächte in jener himmlischen Übung verbringen ließ, obwohl er keine Sünden zu bekennen hatte und nur sehr wenige weltliche Interessen, um dafür zu beten, welche, ach! fast die einzigen Dinge sind, die uns für gewöhnlich zu unseren Andachten treiben. Ja, wir können sagen, dass sein ganzes Leben eine Art von Gebet war, ein beständiger Weg der Gemeinschaft mit Gott. Wenn das Opfer nicht ständig dargebracht wurde, wurde trotzdem das Feuer immer am Leben gehalten und der gesegnete Jesus wurde auch nie von dieser Betäubung oder Mattigkeit des Geistes überrascht, mit der wir sehr oft ringen müssen, bevor wir für die Übung der Andacht tauglich sein können.
Als zweites möchte ich von seiner Liebe und Nächstenliebe zu allen Menschen sprechen, aber wer das ausdrücken möchte, muss die Geschichte des Evangeliums abschreiben und sie kommentieren, denn kaum eine Sache ist aufgeschrieben worden, die von ihm getan oder gesprochen worden ist, welche nicht für das Wohl und den Vorteil von jemanden vorgesehen war. Alle seine Wunderwerke waren Belege für sein Gutsein und für seine Kraft und sie kamen denen zugute, an denen sie gewirkt wurden und ebenso erstaunten sie die Zuschauer. Seine Nächstenliebe war nicht beschränkt auf seine Verwandten oder Bekannten; und all seine Liebenswürdigkeit wurde auch nicht verschluckt von der Zärtlichkeit dieser besonderen Freundschaft, welche er seinen geliebten Jüngern entgegenbrachte. Sondern jeder war sein Freund, der seine heiligen Befehle befolgte, Johannes 15,14. Und wer auch immer den Willen seines Vaters tat, war für ihn wie sein Bruder, seine Schwester und Mutter.
Niemals war ihm jemand, der mit einer ehrlichen Absicht kam, nicht willkommen, noch lehnte er irgendeine Bitte ab, welche für die, die danach fragten, zum Guten diente. So dass was von jenem römischen Kaiser gesagt wurde, der für seine Güte „der Liebling der Menschheit“ genannt wurde, von ihm wirklich geleistet wurde, dass niemals jemand von ihm mit einer bedrückten Miene wegging, mit Ausnahme des reichen Jünglings, der betrübt war, zu hören, dass das Himmelreich einen so hohen Wert hatte, und dass er nicht seine Seele und sein Geld auch noch dazu retten konnte. Und ganz sicher bekümmerte es unseren Erlöser zu sehen, dass er zwar Weisheit hätte erwerben können, aber doch nicht das Herz dafür hatte. Der Einfallsreichtum, der sich in seiner ersten Ansprache zeigte, hatte schon ein wenig Freundlichkeit für ihn erworben; denn es heißt: „Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb“; aber muss er um seinetwillen einen neuen Weg zum Himmel herausschneiden und die Natur der Dinge ändern, die es unmöglich macht, dass ein habgieriger Mensch glücklich werden kann?
Und was soll ich von seinem Sanftmut erzählen, welcher der ungeheuerlichen Undankbarkeit und Heuchelei dieses Bösewichts, der ihn verriet, mit keinen strengeren Worten begegnen konnte als diesen: „Judas, verrätst du den Sohn des Menschen mit einem Kuss?“ Welchen weiteren Beweis für seine glühende und unbegrenzte Nächstenliebe könnten wir noch wollen, als dass er bereitwillig sein Leben dahingab selbst für seine bittersten Feinde und den Vater anflehte, als er seine Gebete mit seinem Blut vermischte, dass sein Tod ihnen nicht zur Last gelegt werden solle, sondern für genau die Personen, die dafür verantwortlich waren, zum Mittel zum ewigen Leben werden möge?
Der dritte Zweig des göttlichen Lebens ist Reinheit, welche wie ich schon gesagt habe, aus der Geringschätzung weltlicher Genüsse und Bequemlichkeiten besteht, im entschlossenen Ertragen all jener Mühen, die uns bei der Erfüllung unserer Pflicht begegnen. Nun, ganz bestimmt: Wenn jemals irgendjemand allen Vergnügungen des natürlichen Lebens gegenüber völlig abgestorben war, dann war es der gesegnete Jesus, der sie selten kostete, wenn sie ihm begegneten, aber niemals seinen Weg verließ, um sie zu suchen. Obwohl er anderen den Trost der Ehe gestattete und eine Hochzeit durch seine Gegenwart ehrte, wählte er dennoch selbst die Strenge eines jungfräulichen Lebens und kannte niemals das Ehebett. Und obwohl er zur gleichen Zeit den Mangel an Wein mit einem Wunder versorgte, wollte er doch keines wirken, um seinen eigenen Hunger in der Wüste zu stillen; so gnädig und göttlich war das Temperament seiner Seele, dass er anderen solche rechtmäßigen Genüsse erlaubte, auf die er selbst zu verzichten für gut befand, und nicht nur für ihre dringlichsten und äußersten Nöte sorgte, sondern auch für ihre kleineren und unbedeutenderen Bedürfnisse. Wir hören oft von den Seufzern, dem Stöhnen und den Tränen unseres Erlösers, aber nie davon, dass er lachte; und nur einmal, dass er sich im Geist freute. So dass er durch sein ganzes Leben exakt jener Charakterisierung entsprach, die der Prophet der Vorzeit von ihm gegeben hatte, dass er „ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut“ war. Auch die Schwierigkeiten und Wohnsitzlosigkeit seines Lebens waren nicht anders als freiwillig gewählt; denn niemals erschien irgendjemand auf der Bühne der Welt mit größeren Voraussetzungen, um sich selbst zu höchstem weltlichen Glück zu erhöhen. Er, der eine so ungeheure Menge Fische in das Netz seiner Jünger zusammenbringen konnte, und ein anderes Mal das Geld aus dem Maul eines Fisches erhielt, was er dem Tempel als Steuer bezahlen sollte, hätte ganz leicht sich selbst zum reichsten Mann der Welt machen können. Ja, ohne jedes Geld hätte er eine Armee unterhalten können, mächtig genug, um Cäsar von seinem Thron zu stoßen, denn er hatte mehr als einmal mehrere Tausend mit ein paar Broten und kleinen Fischen gespeist; aber um zu zeigen, wie gering er alle Annehmlichkeiten der Welt schätzte, zog er es vor, in so armen und niedrigen Umständen zu leben, „dass die Füchse Höhlen haben und die Vögel des Himmels Nester, aber der Sohn des Menschen hat nicht, wo er sein Haupt hinlege.“ Er frequentierte keine Höfe von Fürsten und bevorzugte nicht die Bekanntschaft oder von Erhabenen und den Umgang mit ihnen; sondern mit dem Ruf eines Sohn eines Zimmermanns hatte er Fischer und ähnliche arme Leute als seine Gefährten und lebte auf eine Weise, die der Niedrigkeit dieses Standes entsprach.
Und so bin ich unbewusst dazu gekommen, von seiner Demut zu sprechen, dem letzten Zweig des göttlichen Lebens, in welchem er uns ein absolutes Mustervorbild gewesen ist, damit wir von ihm lernen können, „sanftmütig und von Herzen demütig“ zu sein. Ich werde hier jetzt nicht von jener unendlichen Herablassung des ewigen Sohnes Gottes sprechen, dass er unsere Natur für sich annahm, sondern nur über sein niedriges und demütiges Benehmen nachdenken, während er in der Welt war. Er hatte keine dieser Sünden und Unvollkommenheiten, welche die besten Menschen zu Recht demütigen können; sondern er war so völlig verschlungen von einem tiefen Sinn für die unendliche Perfektion Gottes, dass er in seinen eigenen Augen als nichts erschien; ich meine, insoweit als dass er ein Geschöpf war. Er betrachtete jene hervorragende Perfektion, die in seiner gesegneten Seele leuchtete, nicht als seine eigene, sondern als die Gaben Gottes; und deswegen bildete er selbst sich nichts darauf ein, sondern wies mit der tiefsten Demut alle Ansprüche auf sie von sich. Deshalb verzichtete er auch auf jene gewöhnliche Anrede „Guter Meister“, als einer, der anscheinend bezüglich seiner Gottheit ahnungslos war, sie an seine menschliche Natur richtete: „Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein“; als ob er gesagt hätte: Die Güte irgendeines Geschöpfes (und nur für ein solches hältst du mich) ist es nicht wert, erwähnt oder beachtet zu werden; Es ist Gott allein, der ursprünglich und wesentlich gut ist. Er machte niemals von seiner wunderwirkenden Kraft Gebrauch für Eitelkeit oder Zurschaustellung. Er wollte die Neugier der Juden nicht durch ein Zeichen vom Himmel befriedigen, durch irgendeine wunderbare Erscheinung in der Luft; noch folgte er dem Rat seiner Landsleute und Verwandten, die all seine großen Werke öffentlich vor den Augen der Welt vollbracht sehen wollten, um ihm größeren Ruhm zu verschaffen. Aber wenn seine Nächstenliebe ihn zur Hilfe für Elende veranlasste, dann ließ ihn seine Demut viele Male die Verheimlichung des Wunders anordnen; und wenn der Ruhm Gottes und der Zweck, zu dem er in die Welt gekommen war, ihre Bekanntmachung erforderten, dann schrieb er die Ehre von allem seinem Vater zu und sagte zu ihnen, „dass er von sich selbst nichts tun könne.“
Ich kann nicht auf alle Beispiele seiner Demut im Umgang mit den Menschen eingehen: dass er sich selbst zurückzog, als sie ihn zum König gemacht hätten; seine Unterordnung, nicht nur unter seine gesegnete Mutter, sondern auch unter ihren Mann während seiner Jugendjahre; und seine Unterwerfung unter all die Schmähungen und Beleidigungen, die seine rohen und boshaften Feinde ihm zufügten. Die Geschichte seines heiligen Lebens, aufgezeichnet von denen, die mit ihm Umgang hatten, ist voll von solchen Stellen; und in der Tat ist das ernste und aufmerksame Studium derselben der beste Weg, um sich einen richtigen Begriff von der Demut machen zu können, und all den anderen Teilen der Religion, die ich versucht habe, zu beschreiben.
Um dir die Mühe des Lesens eines allzu langen Briefes zu erleichtern, möchte ich einige Pausen einlegen, und deswegen lass mich jetzt hier ein Gebet anfügen, das passend sein könnte, wenn jemand, der früher einige falsche Vorstellungen von Religion gehabt hat, zu entdecken beginnt, was sie ist.
EIN GEBET
Unendliche und ewige Majestät! Urheber und Quelle des Seins und der Seligkeit! Wie wenig wissen wir armen, sündigen Geschöpfe von dir oder von dem Weg, um dir zu dienen und dir wohlzugefallen! Wir reden von Religion und täuschen sie vor; aber ach! Wie wenige gibt es, die wissen und bedenken, was sie bedeutet! Wie leicht verwechseln wir die Affekte unserer Natur und die Aspekte der Selbstliebe mit jenen göttlichen Gnaden, die allein uns vor deinen Augen akzeptabel machen können! Mit Recht mag es mich traurig machen, zu bedenken, dass ich so lange umhergeirrt bin und mich selbst so oft mit eitlen Schatten und falschen Bildern von Frömmigkeit und Religion zufriedengegeben habe; trotzdem kann ich nicht anders, als deine Güte anzuerkennen und anzubeten; dir hat es wohlgefallen, mir ein Stück weit die Augen zu öffnen und mich sehen zu lassen, was es ist, worauf ich zielen sollte. Ich freue mich zu bedenken, welch große Besserung meine Natur zu erreichen vermag, und was für ein göttliches Temperament des Geistes in denen leuchtet, die es dir wohlgefallen hat, sie zu erwählen und die du dazu bringst, sich dir zu nähern. Gepriesen sei deine unendliche Barmherzigkeit, dass du deinen eigenen Sohn gesandt hast, um unter den Menschen zu wohnen und sie zu unterweisen, sowohl durch sein Beispiel als auch durch seine Gebote, indem er ihnen ein perfektes Mustervorbild war für das, was sie sein sollten. O dass das heilige Leben des gesegneten Jesus immer in meinen Gedanken sein möge und vor meinen Augen, bis ich einen tiefen Sinn und Eindruck dieser ausgezeichneten Gnaden bekomme, die in ihm so besonders geleuchtet haben! Und lass mich niemals meine Bemühungen aufgeben, bis diese neue und göttliche Natur in meiner Seele vorherrscht und Christus in mir Gestalt gewonnen hat.
