Das Leben Gottes in der Seele des Menschen von Henry Scougal – Teil III
Von den Schwierigkeiten und Pflichten des christlichen Lebens
Bisher habe ich betrachtet, worin die wahre Religion besteht und was für eine begehrenswerte Sache sie ist; aber wenn man sich anschaut, wie unendlich weit die gewöhnliche Gesinnung und Verfassung der Menschen davon entfernt sind, dann könnte man eigentlich auf der Stelle verzweifeln und aufgeben und denken, dass es vollkommen unmöglich ist, dass sie erreicht werden kann. Man könnte sich deprimiert hinsetzen und sich selbst bejammern und in der Qual und Bitterkeit des Verstands sagen: „Die sind wirklich glücklich, deren Seelen zum göttlichen Leben erwacht sind, die so erneuert sind in ihrem Geist und ihrer Seele; aber ach! Ich bin von ganz anderer Beschaffenheit und bin nicht dazu fähig, eine so gewaltige Veränderung zu bewirken. Wenn äußere Beobachtungen die Sache hätten erledigen können, dann hätte ich hoffen können, mich selbst durch Fleiß und Sorgfalt zu bewähren; aber weil doch nichts außer einer neuen Natur den Zweck erfüllen kann, was kann ich da machen? Ich könnte mein ganzes Vermögen als Opfer für Gott oder als Almosen für die Armen hingeben, aber ich kann nicht diese Liebe und Barmherzigkeit beherrschen, ohne die ein solcher Aufwand mir nichts nützen würde. Dieses Geschenk Gottes kann nicht mit Geld gekauft werden. Wenn einer den ganzen Besitz seines Hauses für die Liebe geben wollte, man würde ihn nur verachten. Ich könnte fasten und meinen Körper kasteien und viele Mühen und Beschwerden auf mich nehmen; aber ich schaffe es nicht, alle meine Verdorbenheiten komplett auszuhungern, und auch nicht meine Neigungen von irdischen Dingen zu entwöhnen. Da sind immer noch ein paar weltliche Begierden, die in meinem Herzen lauern, und diese Eitelkeiten, die ich zur Tür hinausgeworfen habe, kommen immer durch die Fenster wieder herein. Ich bin oft von meiner eigenen Armseligkeit überzeugt worden, von der Schwäche meines Körpers und von der noch viel größeren Schwäche meiner Seele; aber das erzeugt eher Entrüstung und Unzufriedenheit als wahre Demut in meinem Geist. Und obwohl ich deswegen mittlerweile gering von mir selbst denken sollte, kann ich es trotzdem nicht ertragen, dass andere auch so denken sollten. Kurz gesagt: Wenn ich über meine höchsten und scheinbar besten Errungenschaften nachdenke, dann habe ich Grund zu vermuten, dass sie alle nur die Auswirkungen der Natur sind, die Ergebnisse von Selbstliebe, die unter verschiedenen Tarnungen agiert; und dieses Prinzip ist so mächtig und so tief in mir verwurzelt, dass ich niemals hoffen kann, von seiner Herrschaft befreit zu werden. Ich mag mich drehen und wenden wie eine Tür in ihren Angeln, aber kann mich niemals ganz losreißen oder von meinem Selbst „ausgehängt“ werden, welches immer noch das Zentrum all meiner Bewegungen ist; so dass der ganze Vorteil, den ich aus der Entdeckung der Religion ziehen kann, nur ist, in weiter Ferne jene Glücklichkeit zu sehen, die ich nicht erreichen kann; wie ein Schiffbrüchiger, der Land erblickt und das Glück von denen beneidet, die dort sind, aber denkt, dass es für ihn selbst unmöglich ist, ans Ufer gelangen zu können.“
Diese oder so ähnliche mutlose Gedanken könnten in den Köpfen dieser Personen aufsteigen, die beginnen, etwas mehr von der Natur und Vortrefflichkeit der Religion zu begreifen als vorher. Sie haben das Land erspäht und gesehen, dass es ausserordentlich gut ist, dass es von Milch und Honig überfließt; aber sie merken, dass sie mit den Kindern Enaks zu kämpfen haben, viele mächtige Lüste und Verdorbenheiten zu überwinden haben und sie fürchten, dass sie diese niemals besiegen werden. Aber warum sollten wir solchen entmutigenden Vermutungen nachgeben? Warum sollten wir solche unvernünftigen Ängste hegen, welche unseren Mut dämpfen und unsere Hände schwächen und die Schwierigkeiten unseres Weges noch vermehren? Mein lieber Freund, lass uns doch uns selbst ermutigen durch jene mächtigen Hilfen, die wir in diesem geistlichen Krieg erwarten sollen; denn er, der für uns ist, ist grösser als alle, die sich gegen uns erheben. „Eine Zuflucht ist uns der Gott der Urzeit, und unter uns sind ewige Arme. Lasst uns stark sein in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke.“ Denn er ist es, der „unsere Feinde niedertreten wird.“ Gott hat eine zärtliche Aufmerksamkeit für die Seelen der Menschen und ist unendlich willig, ihr Wohlergehen zu fördern. Er hat sich zu unserer Schwachheit herabgelassen und mit einem Eid erklärt, dass er keinen Gefallen an unserer Vernichtung hat. So etwas wie Streit oder Neid existiert nicht im Herzen jenes ewig seligen Wesens, dessen Name und Natur die Liebe ist. Er erschuf uns ursprünglich in einem glücklichen Zustand; und nun, da wir daraus gefallen sind, hat er „die Hilfe zu retten einem Helden übertragen“ und die Sorge für unsere Seelen keinem Geringeren anvertraut als dem ewigen Sohn seiner Liebe. Es ist der Urheber unserer Rettung und welche Feinde können für uns zu stark sein, wenn wir unter seinem Banner kämpfen? Ist nicht der Sohn Gottes aus dem Schoß des Vaters herabgekommen und hat sein Zelt unter den Söhnen der Menschen aufgeschlagen, um das göttliche Leben zurückzugewinnen und zu propagieren und das Bild Gottes in ihren Seelen wiederherzustellen? All die mächtigen Werke, die er vollbracht hat, all die traurigen Leiden, die er ausgehalten hat, hatten dies zu ihrem Ziel und Zweck; dafür hat er gearbeitet und sich abgemüht, dafür hat er geblutet und ist gestorben. „Er war schwanger, er wand sich in Schmerzen und hat er nichts als Wind geboren? Hat er dem Land nicht Rettung verschafft? Soll er nicht schauen infolge seiner Seele Mühsal?“ Ganz sicher ist es unmöglich, dass dieser große Ratschluss des Himmels fruchtlos bleiben sollte, dass ein so gewaltiges Unternehmen scheitern und misslingen sollte. Es ist bereits wirksam gewesen zum Heil von vielen Tausenden, die einst ebenso fern vom Reich Gottes waren, wie wir es von uns selbst annehmen können; und „unser Hohepriester bleibt in Ewigkeit und kann diejenigen vollkommen erretten, die durch ihn zu Gott kommen.“ Er ist zärtlich und mitfühlend, er kennt unsere Schwachheiten und hat Erfahrung mit unseren Versuchungen. „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen, bis er das Recht zum Sieg führt.“ Er hat seinen Heiligen Geist ausgesandt, dessen sanfte, aber kraftvolle Atemzüge sich immer noch in der Welt auf- und ab bewegen, um die Seelen der Menschen zu beleben und anzuregen, und um sie aufzuwecken zu einem Sinn und Gefühl für jene göttlichen Dinge, für die sie geschaffen worden sind und er steht bereit, um solche schwachen und matten Geschöpfe wie wir es sind bei unseren Versuchen zur Heiligkeit und Seligkeit zu unterstützen; und wenn er sich einmal einer Seele bemächtigt hat und in ihr den kleinsten Funken der göttlichen Liebe entzündet hat, dann wird er diesen ganz sicher bewahren, hegen und pflegen und zu einer Flamme hervorbringen, welche „viele Wasser nicht auslöschen noch die Ströme ertränken können.“ Wann immer dieser Tag zu dämmern beginnt „und der Morgenstern aufgeht in den Herzen“, wird er ganz leicht die Mächte der Finsternis vertreiben und Unwissenheit, Dummheit sowie alle verdorbenen und selbstsüchtigen Affekte der Menschen genauso schnell vor sich fliehen lassen wie die Schatten der Nacht, wenn die Sonne aus ihrer Kammer hervortritt. Denn „der Pfad des Gerechten ist wie der Glanz des Morgenlichts, das immer heller leuchtet, bis zum vollen Tag. Sie gehen vorwärts von Kraft zu Kraft, bis jeder von ihnen vor Gott in Zion erscheint.“
Warum sollten wir denken, dass es unmöglich ist, dass das wahre Gute und eine universelle Liebe jemals sich einfinden sollten, um unsere Seelen zu beeinflussen und in ihnen zu herrschen? Ist nicht das ihr ursprünglicher Zustand bzw. Beschaffenheit, ihre natürliche und echte Verfassung, so wie sie zuerst aus den Händen ihres Schöpfers hervorkamen? Sünde und Verderbnis sind nichts anderes als Eindringlinge, und obwohl sie für lange Zeit Besitz ergriffen haben, ist es doch „von Anfang an nicht so gewesen.“ Jene unverhältnismässige Selbstliebe, von der man meinen könnte, dass sie tief im Kern unseres Seins verwurzelt und mit der Verfassung unserer Natur verwoben ist, ist trotzdem von einer fremden Herkunft und hatte überhaupt keinen Platz im Zustand der Unschuld. Wir haben immer noch so viel Vernunft übrig, um sie zu verdammen; unser Verstand ist leicht überzeugt, dass wir ganz ihm hingegeben sein sollten, von dem wir unser Sein bekommen haben, und ihn unendlich mehr lieben sollten als uns selbst, der unendlich besser ist als wir; und unser Wille würde dem bereitwillig zustimmen, wenn er nicht durcheinandergebracht und verstimmt worden wäre; und ist nicht er, der unsere Seelen geschaffen hat, dazu fähig, sie wieder in Ordnung zu bringen und zu reparieren? Werden wir nicht dazu fähig sein, mit seiner Hilfe jene gewaltsamen Eindringlinge zu besiegen und zu vertreiben „und die Heere der Fremden in die Flucht zu schlagen?“
Sobald wir in diesem heiligen Krieg die Waffen ergreifen, werden wir alle Heiligen auf Erden und alle Engel im Himmel als Verbündete an unserer Seite haben. Die heilige Kirche in der ganzen Welt setzt sich täglich fürbittend bei Gott für das Gelingen von allen solchen Unternehmungen ein; und zweifellos sind jene himmlischen Heerscharen oben sehr besorgt um die Interessen der Religion und wünschen sich unendlich, das göttliche Leben in dieser unteren Welt gedeihen und vorherrschen zu sehen; und dass der Wille Gottes durch uns auf Erden geschehe, so wie er durch sie selbst im Himmel geschieht. Und dürfen wir uns dann nicht selbst ermutigen, so wie der Prophet seinen Diener ermutigte, als er ihm die Pferde und die feurigen Streitwagen zeigte? „Fürchte dich nicht! Denn die, welche bei uns sind, sind zahlreicher als die, welche gegen uns sind!“
Also dann weg mit allen verwirrenden Befürchtungen und mutlosen Gedanken! Tatkräftig zu handeln und mit Zuversicht auf die göttliche Unterstützung zu vertrauen, ist mehr als der halbe Sieg. „Machen wir uns auf und handeln und der HERR sei mit uns!“ Es ist wahr: Religion in den Seelen der Menschen ist das unmittelbare Werk Gottes, und alle unseren natürlichen Bemühungen können sie weder allein bewirken noch jene übernatürlichen Hilfen verdienen, durch die sie gewirkt werden muss. Der Heilige Geist muss über uns kommen, und die Kraft des Höchsten muss uns überschatten, bevor jenes Heilige gezeugt werden kann und Christus in uns Gestalt annehmen kann. Aber trotzdem sollen wir nicht erwarten, dass dieses ganze Werk ohne irgendein Mitwirken unsererseits getan werden sollte. Wir müssen nicht träge im Graben herumliegen und warten, bis die Allmacht uns von dort herauszieht. Nein, nein: Wir müssen uns aufraffen und jene Kräfte aktivieren, die wir schon bekommen haben. Wir müssen unsere Fähigkeiten bis zum Äussersten einsetzen, und dann dürfen wir hoffen, dass „unsere Arbeit nicht vergeblich ist im Herrn.“ Alle Kunst und Mühe des Menschen kann nicht das kleinste Kräutlein erschaffen oder einen Getreidehalm auf dem Feld wachsen lassen; es sind die Energie der Natur und die Einflüsse des Himmels, die diesen Effekt bewirken. Es ist Gott, „der das Gras wachsen lässt und Pflanzen zum Nutzen des Menschen“, und dennoch wird niemand sagen, dass die Arbeit des Bauern nutzlos oder überflüssig sei. Genauso ist auch die menschliche Seele unmittelbar von Gott erschaffen. Er ist es, der das Kind sowohl formt als auch lebendig macht; und trotzdem hat er das Ehebett zum üblichen Mittel zur Fortpflanzung der Menschheit ernannt. Obwohl also ein Schlag der Allmacht intervenieren muss, um diese gewaltige Veränderung in unseren Seelen zu bewirken, sollen wir trotzdem tun, was wir können, um uns dafür zu trainieren und vorzubereiten; denn wir müssen unser Brachland umgraben und das Unkraut ausreissen und die Dornen herausziehen, damit wir aufgrund dessen noch mehr bereit dazu sind, die Samen der Gnade zu empfangen und den Tau des Himmels. Es ist wahr: Gott ist von einigen gefunden worden, die ihn nicht gesucht haben. Er hat sich denen in den Weg gestellt, die ganz abseits von seinem Weg unterwegs waren. Er hat sie ergriffen und ihren Lauf ganz plötzlich angehalten; denn so wurde der heilige Paulus auf seiner Reise nach Damaskus bekehrt. Aber sicherlich ist das nicht Gottes gewöhnliche Methode, mit den Menschen zu verfahren. Obwohl er selbst sich nicht an Mittel gebunden hat, so hat er doch uns an ihren Gebrauch gebunden; und wir haben niemals größeren Grund dazu, göttliche Unterstützung zu erwarten, als wenn wir unser Bestes geben. Deswegen soll es jetzt mein nächstes Anliegen sein, darzulegen, welche Richtung wir einschlagen sollen, um jenes gesegnete Temperament zu erhalten, das ich vorher beschrieben habe. Wenn ich dabei, indem ich meine eigenen Gedanken vortrage, in manchen Punkten von dem abweichen sollte, was andere in dieser Sache gesagt haben oder sagen mögen, dann möchte ich nicht so verstanden werden, dass ich ihnen widersprechen oder sie bekämpfen will, sondern eher so, wie wenn verschiedene Ärzte verschiedene Heilmittel für dieselbe Krankheit verschreiben, die vielleicht alle nützlich und gut sind. Jeder mag die Methode vorschlagen, die er für die geeignetste und angemessenste hält; aber damit beansprucht er nicht, dass die Heilung niemals erreicht werden kann, wenn nicht genau diese Methode befolgt wird. Ich zweifle nicht daran, dass es manchen heiligen Personen viel unnötige Unruhe bereitet hat, dass sie in ihren Seelen nicht einen so regulären und planmässigen Vorgang vorgefunden haben, wie sie es in Büchern beschrieben gesehen haben; dass sie nicht alle jene Schritte und Stufen der Bekehrung durchlaufen haben, welche einige, (die sie vielleicht in sich selbst gefühlt haben), allzu energisch anderen vorgeschrieben haben. Gott hat mehrere Wege, um mit den Seelen der Menschen umzugehen, und es genügt, wenn das Werk vollbracht wird, egal wie auch immer die Methoden dazu gewesen sein mögen.
Nochmal: Auch wenn ich beim Vorschlagen von Anweisungen jener Reihenfolge folgen muss, zu der die Natur der Dinge führen muss, so meine ich doch nicht, dass dieselbe Methode in der Praxis so peinlich genau befolgt werden müsse, als ob die späteren Regeln niemals beachtet werden sollten, bevor nicht einige Zeit mit der Ausübung der ersten verbracht worden ist. Die Anweisungen, die ich im Sinn habe, sind sich gegenseitig förderlich; und sollen alle ausgeführt werden, sobald sich dazu die Gelegenheit ergibt und wir uns selbst dazu in der Lage finden, sie auszuführen.
Aber jetzt, damit ich dich nicht länger aufhalte: Wenn wir uns danach sehnen, unsere Seelen in jene heilige Gestalt geformt zu bekommen, Teilhaber an der göttlichen Natur zu werden, und dass Christus in unseren Herzen Gestalt gewinnt, dann müssen wir es ernsthaft beschließen und sorgfältig darum bemüht sein, alle bösartigen und sündhaften Praktiken zu vermeiden und aufzugeben. Es kann keinen Friedensvertrag geben, solange wir nicht diese Waffen der Rebellion niederlegen, mit denen wir gegen den Himmel kämpfen; ebenso wenig können wir erwarten, dass unsere Krankheiten geheilt werden, wenn wir uns täglich von Gift ernähren. Jede willentliche Sünde versetzt der Seele eine tödliche Wunde und vergrössert ihren Abstand von Gott und vom Guten; und wir können niemals hoffen, dass unsere Herzen von verdorbenen Affekten gereinigt werden, bis wir unsere Hände von bösartigen Taten reinigen. Nun, in diesem Fall können wir uns selbst nicht mit dem Vorwand der Unmöglichkeit entschuldigen; denn sicherlich haben wir eine gewisse Macht über unseren äußeren Menschen. Wir haben etwas Befehlsgewalt über unsere Füße, Hände und Zunge, ja und auch über unsere Gedanken und Fantasien, wenigstens insoweit, als sie von unreinen und sündhaften Gegenständen abzulenken und unseren Geist in eine andere Richtung zu wenden; und wir stellen fest, dass diese Macht und Autorität erheblich gestärkt und verbessert wird, wenn wir darauf geachtet haben, sie anzuwenden und zu üben. In der Zwischenzeit erkenne ich an, dass unsere Verdorbenheiten so stark sind und unsere Versuchungen so viele sind, dass es jede Menge an Standhaftigkeit und Entschlossenheit braucht und an Wachsamkeit und Sorgfalt, um uns selbst auch nur einigermassen an Reinheit und Unschuld zu bewahren.
Und als erstes wollen wir uns gut darüber informieren, was diese Sünden sind, auf die wir verzichten sollten. Und hier sollen wir unsere Maßstäbe nicht an den Maximen der Welt ansetzen oder an der Praxis von solchen Leuten, welche wir anhand der Nächstenliebe für gute Menschen halten. Die meisten Leute haben nur eine sehr schwache Auffassungsgabe von diesen Dingen und bemerken keine Fehler, ausser wenn sie grob und schändlich sind; und sie schätzen nichts so sehr als das, was sie selbst „Gewissenhaftigkeit“ nennen; und diejenigen, die ernsthafter sind, erlauben sich selbst sehr oft zu viel Nachlässigkeit und Freiheiten. Ach! Wie viel Stolz und Eitelkeit und Leidenschaft und Ehre; wie viel Schwachheit und Dummheit und Sünde zeigen sich jeden Tag in ihrer Konversation und ihrem Verhalten? Es kann sein, dass sie dafür gedemütigt werden und dagegen ankämpfen, und täglich etwas an Boden gewinnen. Aber dann ist der Fortschritt so gering und ihr Scheitern ist so zahlreich, dass wir uns ein genaueres Vorbild wählen müssen. Jeder von uns muss für sich selbst antworten, und die Praxis von anderen wird niemals für uns garantieren und uns absichern. Es ist die grösste Dummheit, unsere Handlungen an irgendeinem anderen Standard auszurichten als an dem, nach dem wir gerichtet werden müssen. Wenn wir jemals unseren Weg reinhalten wollen, dann muss es geschehen, „indem wir uns halten an das Wort Gottes;“ und dieses „Wort, das lebendig und kräftig und schärfer ist als jedes zweischneidige Schwert, das durchdringt bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein und ein Richter der Gedanken und Gesinnungen des Herzens ist“, wird ganz sicher viele Dinge als sündhaft und abscheulich aufdecken, welche in den Augen der Welt als ganz unschuldig durchgehen. Lass uns deswegen den Psalmisten nachahmen, der spricht: „Beim Treiben der Menschen habe ich mich nach dem Wort deiner Lippen gehütet vor den Wegen des Gewalttätigen.“ Wir wollen uns mit den strengen und heiligen Gesetzen unserer Religion vertraut machen. Lass uns die Reden unseres gesegneten Erlösers bedenken, ganz besonders jene göttliche Bergpredigt, und die Schriften seiner heiligen Apostel; worin ein aufrichtiger und unvoreingenommener Geist ganz klar die Grenzen und Schranken erkennen kann, von denen unser Handeln eingeschränkt sein sollte. Und dann lass uns niemals irgendeine Sünde als leicht oder unbedeutend ansehen, sondern fest davon überzeugt sein, dass die kleinste in Gottes Augen unendlich abscheulich ist und schädlich für die Seelen der Menschen; und dass wir, wenn wir den rechten Sinn für diese Dinge hätten, von den geringsten Verfehlungen ebenso tief betroffen sein sollten, wie wir es jetzt von den schlimmsten Verbrechen sind.
Aber nun werden unter diesen Dingen, die wir als sündhaft erkannt haben, manche sein, mit denen wir so eng verbunden sind, durch unsere natürliche Veranlagung oder alte Gewohnheiten oder den Reiz des Vergnügens, dass sie aufzugeben für uns so wäre, wie die rechte Hand abzuschlagen oder das rechte Auge auszureissen. Aber sollen wir uns deswegen hinsetzen und warten, bis alle Schwierigkeiten vorbei sind und jede Versuchung verschwunden ist? Das wäre so, wie den Dummen aus dem Gedicht nachzuahmen, der den ganzen Tag am Flussufer stand, solange bis alles Wasser vorübergelaufen sein würde. Wir dürfen unsere Affekte nicht verwöhnen, so wie wir es bei kleinen Kindern machen, bis sie der Sache überdrüssig werden, die sie nicht loslassen wollen. Wir dürfen nicht mit unseren sündigen Gewohnheiten weitermachen in der Hoffnung, dass die göttliche Gnade eines Tages unsere Launen überwältigen wird und uns dann dazu bringen wird, diese wegen ihrer eigenen Scheusslichkeit zu hassen.
Nehmen wir an, dass uns jegliches übernatürliche Prinzip komplett fehlen würde und auch jener geistliche Geschmack, durch den wir verkehrte Dinge erkennen und verabscheuen sollten; aber sicher sind wir dennoch zu Überlegungen fähig, welche uns wirkungsvoll davon überzeugen könnten, unser Leben zu ändern. Wenn die innere Deformierung und die abscheuliche Natur der Sünde uns nichts ausmachen kann, so könnten wir uns wenigstens vor diesen schrecklichen Konsequenzen, die sie begleiten, fürchten. Dasselbe egoistische Prinzip, das uns dazu antreibt, sündhaften Vergnügungen nachzugehen, wird uns davor zurückschrecken lassen, sie um den Preis ewigen Elends zu erkaufen. So können wir der Selbstliebe mit ihren eigenen Waffen begegnen und eine natürliche Neigung dazu gebrauchen, die Ausschweifungen einer anderen zu unterdrücken. Deshalb lass uns doch uns angewöhnen, ernsthaft zu bedenken, was für eine furchterregende Sache es sein muss, jenes unendliche Wesen zu reizen und zu beleidigen, von dem wir abhängen und in jedem Augenblick abhängig sind, das nur seine Barmherzigkeit zurückzuziehen braucht, um uns elend zu machen, oder seine Unterstützung, um uns zu Nichts zu machen. Wir wollen uns häufig an die Kürze und Ungewissheit unseres Lebens erinnern und daran wie wir, nachdem wir noch ein paar mehr Wendungen in dieser Welt genommen und noch ein bisschen länger unter den Menschen geweilt haben, alle hinabsteigen müssen in das dunkle und stille Grab und nichts als Seelenqual und Reue für all unsere sündhaften Vergnügungen mit uns nehmen werden; und dann bedenken, welcher Horror die schuldige Seele packen muss, sich selbst nackt und ganz allein vor dem strengen und unparteiischen Richter der Welt wiederzufinden, um genaueste Rechenschaft abzulegen, nicht nur über ihre bedeutenderen und beachtenswerten Vorgänge, sondern über jedes Wort, das die Zunge ausgesprochen hat, und über den flüchtigsten und geheimsten Gedanken, der ihr jemals durch den Sinn gegangen ist. Lass uns manchmal die Schrecken jenes furchtbaren Tages uns selbst vor Augen stellen, an dem die Grundfesten der Erde erschüttert werden, und die Himmel mit großem Krachen vergehen und die Elemente vor Hitze zerschmelzen werden, und die gegenwärtige Ordnung der Natur aufgelöst werden wird; und unsere Augen werden den seligen Jesus sehen, (der einst in aller Demut in die Welt kam, um uns zu besuchen, um Vergebung für uns zu erwerben und uns zu bitten, sie anzunehmen), der jetzt in der Majestät seiner Herrlichkeit erscheint und in flammendem Feuer vom Himmel herabkommt, um Rache zu nehmen an denen, die seine Barmherzigkeit verachtet haben und hartnäckig in Rebellion gegen ihn geblieben sind. Wenn alles im Finsteren Verborgene ans Licht gebracht und die Absichten der Herzen offenbar gemacht werden; wenn jene verborgenen Unreinheiten und listigen Betrügereien, derer die Welt uns nie verdächtigte, vor der Öffentlichkeit enthüllt und dargelegt werden; und viele tausend Handlungen, von denen wir im Traum niemals gedacht hätten, dass sie sündhaft sind, oder dass sie schon längst vollkommen vergessen worden seien, werden dann unserem Gewissen mit so klarer Überführung von Schuld vorgehalten werden, dass wir weder dazu fähig sein werden, sie zu leugnen noch zu entschuldigen. Dann werden alle Engel im Himmel und alle Heiligen, die je auf Erden gelebt haben, jenes schreckliche Urteil billigen, das über die gottlosen Menschen gesprochen werden wird; und diejenigen, die sie vielleicht geliebt und geachtet haben, als sie noch in der Welt lebten, werden sie mit Empörung und Abscheu ansehen und keine einzige Bitte um ihre Errettung vorbringen. Lass uns die ewige Strafe für die verdammten Seelen bedenken, die in der Schrift ihren Schatten durch Metaphern vorauswerfen, die von den schrecklichsten und unerquicklichsten Dingen dieser Welt genommen sind und trotzdem alle nicht ausreichen, unserem Verstand eine volle Vorstellung davon zu vermitteln. Wenn wir die Wichtigkeit all dieser Äusserungen miteinander verbinden und dazu alles hinzufügen, was unsere Vorstellungskraft sich an Elend und Qual ausdenken kann, dann müssen wir uns immer noch daran erinnern, dass all das unendlich hinter der Wahrheit und Realität der Sache zurückbleibt.
Es ist wahr, das ist ein trauriges und melancholisches Thema; mit Angst und Schrecken muss man darüber nachdenken. Aber ganz sicher muss es unendlich furchtbarer sein, das zu durchleiden; und Gedanken wie diese können sehr nützlich dazu sein, uns von den Wegen abzuschrecken, die uns dorthin führen würden. Egal wie sehr wir auch an sündhaften Vergnügungen hängen mögen, die Angst vor der Hölle würde uns darauf verzichten lassen. Unsere kühnsten Affekte werden erschrecken und zurückweichen, wenn sie mit jener Frage des Propheten konfrontiert werden: „Wer ist unter uns, der bei ewiger Glut wohnen kann?“
Genau zu diesem Zweck werden die Schrecken einer anderen Welt in der Heiligen Schrift so häufig dargestellt, und dass mit solchen Begriffen, die am treffendsten dazu sind, um einen fleischlichen Geist zu tangieren und zu beeinflussen. Diese Ängste können niemals dazu ausreichen, um jemanden wahrhaft gut zu machen; aber sicherlich können sie uns von viel Bösem zurückhalten und haben oft den Weg für edlere und liebenswürdigere Nachwirkungen bereitet.
Aber es wird nicht ausreichen, diese Dinge ein- oder zweimal zu bedenken oder einige Vorsätze zu fassen, unsere Sünden hinter uns zu lassen, wenn wir nicht eine permanente Wachsamkeit aufrechterhalten und sie ununterbrochen bewachen. Manchmal wird der Geist aufgeweckt, um die düsteren Konsequenzen eines bösartigen Lebens zu sehen, und sofort sind wir entschlossen, uns zu bessern, aber ach! bald schläft er wieder ein, und wir verlieren diesen Durchblick, den wir in Bezug auf die Dinge hatten, und dann nutzen die Versuchungen ihren Vorteil. Sie drängen und bestürmen uns unablässig und gewinnen so oft unsere Zustimmung, bevor es uns bewusst ist. Es ist die Dummheit und der Ruin der meisten Leute, dass sie im Abenteuer leben und an allem teilnehmen, was ihren Weg kreuzt, und dabei selten darüber nachdenken, was sie sagen oder tun werden. Wenn wir wirklich wollen, dass unsere Vorsätze wirksam werden sollen, dann müssen wir auf unsere Wege achten und eine Wache vor die Tür unserer Lippen stellen, und die Regungen prüfen, die in unseren Herzen aufsteigen und sie dazu bringen, uns zu sagen, woher sie kommen und wohin sie gehen; ob es Stolz oder Leidenschaft ist oder irgendeine verdorbene und boshafte Laune, die uns zu etwas veranlasst hat, und ob dadurch Gott beleidigt oder irgendein Mensch verletzt werden wird. Und wenn wir keine Zeit für lange Überlegungen haben, dann lass uns wenigstens unsere Augen zu Gott wenden und uns in seine Gegenwart stellen, um nach seiner Erlaubnis und Zustimmung zu fragen für das, was wir tun. Wir wollen uns selbst unter dem allsehenden Auge jener göttlichen Majestät betrachten, so wie inmitten einer unendlichen Kugel aus Licht, welches uns sowohl von hinten als auch von vorn umgibt und uns bis in die innersten Winkel der Seele durchdringt. Die Wahrnehmung und das Bedenken der göttlichen Gegenwart ist das unmittelbarste und effektivste Mittel dafür, um sowohl das Unrechtmäßige zu erkennen als auch um uns davon zurückzuhalten. Es gibt ein paar Dinge, die jemand improvisieren könnte, um zu beschönigen oder sich zu verteidigen, und trotzdem wagt er es nicht, dem allmächtigen Gott ins Gesicht zu schauen und sie zu wagen. Wenn wir auf ihn blicken, werden wir strahlen; wenn wir ihn allzeit vor Augen haben, dann will er uns mit seinen Augen leiten und uns unterweisen und uns den Weg zeigen, den wir gehen sollen.
Diese Sorgfalt und Wachsamkeit über unsere Handlungen muss durch häufiges und ernsthaftes Reflektieren darüber unterstützt werden, nicht nur, damit wir die göttliche Barmherzigkeit und Vergebung für unsere Sünden bekommen können, durch ihre demütige und traurige Anerkennung; sondern auch, damit wir unsere Vorsätze verstärken und bekräftigen und es lernen, die Versuchungen abzulehnen oder ihnen zu widerstehen, durch die wir früher zum Scheitern gebracht worden sind. Das ist ein Rat, der eines Christen würdig ist, auch wenn er ursprünglich aus der Feder eines Heiden geflossen ist, dass wir bevor wir zu Bett gehen, noch einmal alle Begebenheiten des Tages durchgehen und untersuchen, so dass wir Trost erhalten aus dem, was wir richtig gemacht haben, und etwas wieder gut machen können, von dem wir merken, dass wir es verkehrt gemacht haben, und die Schiffbrüche eines Tages zu Markierungen machen, um unseren Kurs an einem anderen Tag zu steuern. Das könnte man also die Kunst eines tugendhaften Lebensstils nennen; und es würde wunderbar dazu beitragen, unsere Erneuerung voranzubringen und unsere Unschuld zu bewahren. Aber trotzdem dürfen wir dabei nicht vergessen, die göttliche Unterstützung zu erflehen, ganz besonders gegen jene Sünden, die uns am leichtesten befallen; und obwohl es angenommen werden kann, dass unsere Herzen noch nicht in jene geistliche Form geformt worden sind, welche unsere Andachten akzeptabel machen würde; trotzdem scheint es mir, dass solche Überlegungen, die vorgeschlagen worden sind, um uns von der Sünde abzuschrecken, uns auch zu einer gewissen natürlichen Ernsthaftigkeit anregen können und unsere Gebete dagegen mindestes so ernsthaft machen, wie sie es für gewöhnlich gegen andere Katastrophen sind; und ich zweifle nicht daran, dass Gott, der das Schreien der jungen Raben hört, auch solche Bitten etwas beachten wird, die aus jenen natürlichen Leidenschaften hervorgehen, die er selbst in uns hineingelegt hat. Abgesehen davon, dass diese Gebete gegen die Sünde mächtige Verpflichtungen für uns selbst sein werden, um uns zu Wachsamkeit und Sorgfalt anzuregen; und der gesunde Menschenverstand würde uns dafür ein schlechtes Gewissen verursachen, in jene Fehler zurückzufallen, die wir kurz davor vor Gott bedauert haben und gegen die wir um seine Hilfe gebettelt haben.
Und so sollen wir den ersten Versuch unternehmen, das göttliche Leben zurückzubekommen, indem wir die natürlichen Neigungen unterdrücken, damit sie nicht in sündhafte Gewohnheiten ausbrechen. Aber jetzt muss ich hinzufügen, dass christliche Klugheit uns lehren wird, auch auf solche Befriedigungen zu verzichten, die nicht gesetzeswidrig sind, und zwar sowohl, um unsere Unschuld abzusichern, welche permanent in Gefahr sein würde, wenn wir unsere Freiheit bis an die äußerste Grenze ausreizen würden; als auch, um dadurch die Kraft der Natur zu schwächen und um unsere Gelüste zum Gehorsam zu erziehen. Wir müssen mit uns selbst so umgehen wie kluge Eltern mit ihren Kindern, die ihren Willen in vielen kleinen, unbedeutenden Dingen durchkreuzen, um sie in wichtigeren Fällen lenksam und gefügig zu machen. Wer den Stolz und die Eitelkeit seines Geistes abtöten will, der sollte seine Ohren selbst vor dem wohlverdientesten Lob verschließen und manchmal auf seine berechtigte Verteidigung gegenüber Kritik und Verleumdung von anderen verzichten, ganz besonders wenn diese nur seine Klugheit und sein Verhalten betreffen und nicht seine Tugend und Unschuld. Wer einen rachsüchtigen Humor kontrollieren möchte, würde gut daran tun, sich selbst die Genugtuung zu versagen, anderen die Verletzungen vorzuhalten, welche er erlitten hat, und wenn wir so auf unsere Wege achtgeben würden, dass wir nicht mit unserer Zunge sündigen, dann müssen wir uns viel an Einsamkeit und Schweigen gewöhnen und manchmal mit dem Psalmisten „schweigen, auch vom Guten “ bis wir eines Tages eine gewisse Kontrolle über dieses widerspenstige Glied erlangt haben. So können wir unsere natürlichen Affekte festbinden und unseren Appetit in seinem heftigen Verlangen mäßigen, indem wir sie an häufige Verweigerungen gewöhnen; aber es ist nicht genug, sie unter Gewalt und Einschränkung zu halten.
Unser nächster Versuch muss sein, unsere Zuneigung von den geschaffenen Dingen zu entwöhnen und von all dem Spaß und den Vergnügungen des irdischen Lebens, welche die Seelen der Menschen herabziehen und deprimieren und es verlangsamen, dass sie sich auf Gott und den Himmel zubewegen; und das müssen wir tun, indem wir unseren Geist von einer tiefen Überzeugung von der Nichtigkeit und Leere der weltlichen Freuden in Besitz nehmen lassen. Das ist ein übliches Thema, und jedermann kann darüber Vorträge halten; aber ach! wie wenige verstehen oder glauben, was sie sagen? Diese Vorstellungen schweben in unseren Hirnen und gleiten leicht von unseren Zungen; aber wir haben keinen tiefen Eindruck von ihnen in unserem Geist eingeprägt; wir fühlen die Wahrheit nicht, von der wir so tun, als ob wir an sie glaubten. Wir können erzählen, dass aller Glanz und alle Pracht, all die Freuden und Vergnügungen der Welt eitel und nichtig sind und trotzdem nehmen diese Nichtse alle unsere Gedanken ein und vereinnahmen all unsere Zuneigung; sie ersticken die besseren Neigungen unserer Seele und verleiten uns zu so mancher Sünde. Es könnte sein, dass wir sie in einer nüchternen Stimmung ignorieren und beschließen, uns nicht mehr länger von ihnen täuschen zu lassen; aber solche Gedanken überleben selten die nächste Versuchung. Die Eitelkeiten, die wir vorne zur Tür hinausgeworfen haben, kommen durch den Hintereingang wieder herein. Da sind immer noch ein paar Ambitionen, ein paar Hoffnungen, die uns schmeicheln; und nachdem wir schon tausendmal frustriert worden sind, müssen wir das Experiment ständig weiter wiederholen. Der geringste Unterschied der Umstände genügt, um uns zu täuschen und lässt uns diese Befriedigung von einer Sache erwarten, die wir bei einer anderen vermisst haben; aber könnten wir uns einmal wirklich losreißen und zu einer ernsthaften und echten Verachtung von weltlichen Dingen gelangen, dann wäre das ein ziemlich bedeutender Fortschritt auf unserem Weg. Die Seele des Menschen ist von kraftvoller und aktiver Natur und hat in sich einen tobenden und unauslöschlichen Durst, eine immaterielle Art von Feuer; immer nach irgendeinem Objekt greifend, von dem sie denkt, dass davon ihr Glück abhängt; und wenn sie eines Tages von der Welt und all den bezaubernden Annehmlichkeiten unter der Sonne losgerissen werden würde, dann würde sie schnell nach einem höheren und noch vorzüglicherem Objekt suchen, um ihre glühenden und drängenden Begierden zu stillen; und wenn sie dann nicht länger geblendet von glänzenden Eitelkeiten ist, würde sie sich auf jenes höchste und in jeder Beziehung vollkommene Gute ausrichten, worin sie eine solche Schönheit und Lieblichkeit entdecken würde, dass all ihre Gefühle davon bezaubert und überwältigt sein würden. Die Liebe zur Welt und die Liebe zu Gott sind wie die beiden Schalen einer Waage: Wenn die eine sinkt, steigt die andere nach oben; wenn unsere natürlichen Neigungen gedeihen und das Geschöpf in unserer Seele erhöht wird, dann ist die Religion schwach und stagniert; aber wenn die irdischen Dinge verwelken und ihre Schönheit verlieren und die Seele beginnt, in ihrem Streben nach ihnen abzukühlen und zu ermüden, dann schlagen die Samen der Gnade Wurzeln, und das göttliche Leben beginnt zu blühen und die Oberhand zu gewinnen. Deshalb ist es für uns sehr wichtig, uns selbst von der Leere und Nichtigkeit der Vergnügungen der Geschöpfe zu überzeugen und unser Herz durch logische Schlussfolgerung von der Liebe zu diesen abzubringen. Lass uns ernsthaft alles bedenken, was unsere Vernunft oder unser Glaube, unsere eigene Erfahrung oder die Beobachtung von anderem zu diesem Effekt beitragen kann. Lass uns über diese Sache immer und immer wieder nachdenken und unsere Gedanken auf diese Wahrheit ausrichten, bis wir wirklich von ihr überzeugt worden sind. Mitten in all unseren Bemühungen und Plänen lass uns innehalten und uns fragen: Wozu ist das alles? Was ist mein Ziel? Können die groben und trüben Freuden der Sinne, oder ein Klumpen weißer und gelber Erde, oder die Wertschätzung und Zuneigung von albernen Geschöpfen wie mir selbst eine rationale und unsterbliche Seele zufriedenstellen? Habe ich diese Dinge nicht schon probiert? Werden sie morgen einen höheren Reiz haben und mir mehr Zufriedenheit bringen als gestern, oder im nächsten Jahr mehr als sie es im letzten Jahr getan haben? Es könnte einen kleinen Unterschied geben zwischen dem, was ich jetzt anstrebe, und dem, was ich früher genossen habe; aber bestimmt erschienen meine früheren Freuden genauso angenehm und verheissungsvoll, bevor ich sie erreichte; so wie der Regenbogen sahen sie aus der Entfernung ganz herrlich aus, aber als ich näherkam, fand ich nichts als Leere und Dunst. O was für eine armselige Sache wäre das Leben des Menschen, wenn es zu keinen höheren Freuden fähig wäre!
Ich kann auf dieses Thema nicht weiter eingehen; und es ist auch umso weniger nötig, wenn ich bedenke, an wen ich schreibe. Ja, mein lieber Freund, du hast ebenso große Erfahrung mit der Leere und Nichtigkeit menschlicher Dinge gemacht und hast aktuell so wenig weltliche Verstrickungen wie niemand sonst, den ich kenne. Ich habe manchmal über jene Abschnitte deines Lebens nachgedacht, mit denen du mich freundlicherweise bekannt gemacht hast, und mir scheint, durch alles kann ich ein Muster der göttlichen Vorsehung erkennen, deine Zuneigung von jeder einzelnen Sache hier unten zu entwöhnen. Die Prüfungen, die du durchgemacht hast mit jenen Dingen, für die die Welt schwärmt, haben dich gelehrt, sie zu verachten; und du hast durch Erfahrung herausgefunden, dass weder die Begabungen von Natur aus noch die Vorteile des glücklichen Schicksals zum Glücklichsein ausreichen; dass jede Rose ihre Dornen hat, und dass selbst am Fuß der schönsten Staude ein Wurm sein kann; irgendein geheimer und unentdeckter Kummer, so dass jemand von denen, die vielleicht sein vermeintliches Glück bewundern oder beneiden eigentlich ihr Mitleid verdienen würde. Wenn es einen irdischen Trost gibt, der zu viel von deinem Herzen eingenommen hat, dann denke ich, dass es deine Familie und Freunde gewesen sind; und die liebsten von diesen sind aus dieser Welt hinweggenommen worden, sodass du deinen Sinn zum Himmel erheben musst, wenn du an sie denkst. So hat Gott dafür gesorgt, dass dein Herz von der Welt gelöst werde, damit er keinen Rivalen in deiner Zuneigung hat, die ich stets als so groß und grenzenlos wahrgenommen habe, als so edel und selbstlos, dass kein geringeres Objekt ihr entsprechen oder sie verdienen kann.
Wenn wir unsere Verdorbenheiten unterdrückt bekommen haben und unseren natürlichen Appetit und die Schwäche für weltliche Dinge in gewissem Maß in den Griff bekommen haben, dann müssen wir dazu übergehen, solche Übungen zu machen, die noch unmittelbarer eine Tendenz dazu haben, das göttliche Leben anzuregen und aufzuwecken. Und lass uns als erstes uns anstrengen, jene Pflichten ganz bewusst auszuüben, welche die Religion erfordert und zu welchen sie uns veranlassen würde, wenn sie in unseren Seelen dominant wäre. Wenn wir unsere innere Verfassung gerade nicht verändern können, dann lass uns herausfinden, wie wir wenigstens unser äußeres Verhalten regulieren können. Wenn unsere Herzen bis jetzt noch nicht mit göttlicher Liebe entflammt sind, dann lass uns trotzdem unsere Treue zu jener unendlichen Majestät bekennen, indem wir seinen Gottesdienst besuchen und seinem Wort zuhören, indem wir ehrfürchtig von seinem Namen sprechen und seine Güte loben und andere dazu anspornen, ihm zu dienen und zu gehorchen. Wenn uns jene Nächstenliebe und jenes herzliche Erbarmen fehlen, die wir unseren Nächsten gegenüber haben sollten, dann sollten wir trotzdem keine Gelegenheit auslassen, ihnen Gutes zu tun. Wenn unsere Herzen hochmütig und stolz sind, dann sollten wir nichtsdestotrotz ein bescheidenes und demütiges Auftreten lernen. Diese äußeren Übungen sind an sich zwar von geringem Wert; aber sie können uns helfen, zu besseren Dingen vorwärtszukommen. Der Apostel sagt uns in der Tat, dass „die leibliche Übung wenig nützt“, aber er scheint nicht zu behaupten, dass sie völlig nutzlos sei. Es ist immer gut, das zu tun, was wir können; denn für gewöhnlich hat Gott dann Mitleid mit unserer Schwachheit, und hilft uns bei unseren schwachen Bemühungen. Und wenn echte Nächstenliebe, Demut und andere Gnaden des göttlichen Geistes kommen, um in unseren Seelen Wurzeln zu schlagen, dann werden sie sich umso freier und mit weniger Schwierigkeiten entfalten, wenn wir uns zuvor daran gewöhnt haben, sie in unseren äusseren Konversationen auszudrücken. Auch brauchen wir die Anklage der Heuchelei nicht zu fürchten, auch wenn unsere Handlungen auf diese Weise unseren inneren Empfindungen etwas vorausgehen, weil man sehen kann, dass sie aus einem Pflichtbewusstsein hervorgehen und dass unsere Absicht nicht ist, besser zu erscheinen, als wir sind, sondern wirklich so zu werden.
Und weil innerliche Taten einen unmittelbareren Einfluss auf die Seele haben, sie in den richtigen Charakter und Verfassung zu formen, sollten wir sie deswegen häufig und fleissig ausüben. Lass uns unsere Herzen oft hoch zu Gott erheben; und wenn wir nicht sagen, dass wir ihn mehr als alles andere lieben, dann lass uns wenigstens anerkennen, dass es unsere Pflicht ist, das zu tun, und es uns glücklich machen würde; lass uns über die Unehre klagen, die ihm von dummen und sündigen Menschen zugefügt wird, und den Lobpreisungen und Anbetungen applaudieren, die ihm von jener seligen und herrlichen Schar dort oben geschenkt werden. Lass uns einfach aufgeben und uns ihm ergeben viele Tausend Male, um von seinen Gesetzen regiert zu werden und dass er nach seinem Wohlgefallen über uns verfüge; und auch wenn unsere widerspenstigen Herzen davor zurückschrecken und sich widersetzen sollten, lass uns ihm trotzdem sagen, dass wir davon überzeugt sind, dass sein Wille immer gerecht und gut ist, und dass wir es uns deswegen von ihm wünschen, dass er mit uns tut, was immer ihm gefällt, ob wir wollen oder nicht. Und so, um in uns eine universelle Nächstenliebe zu erzeugen, müssen wir häufig Wünsche für das Lebensglück der anderen vorbringen und jede Person segnen, die wir sehen; und wenn wir etwas zur Erleichterung der Elenden getan haben, dann mögen wir das mit den ernsthaften Wünschen unterstützen, dass Gott sich um sie kümmern möchte und sie aus all ihrer Not erlösen möge.
So sollen wir uns selbst zur Gottesfurcht trainieren. Und wenn wir die Kräfte, die wir haben, einsetzen, dann pflegt der Geist Gottes für gewöhnlich, einzuschlagen und diese Handlungen unserer Seele über den natürlichen Höhepunkt hinaus zu erheben und ihnen einen göttlichen Charakter zu verleihen. Und nach häufiger Wiederholung von diesen werden wir uns ihnen stärker zugeneigt finden und dass sie mit größerer Freiheit und Leichtigkeit fliessen.
Ich werde nur noch zwei andere Mittel erwähnen, um dieses heilige und göttliche Temperament des Geistes zu erzeugen, welches das Thema unseres aktuellen Diskurses ist. Und das erste ist, eine tiefe und ernste Betrachtung der Wahrheiten unserer Religion, und zwar sowohl hinsichtlich ihrer Gewissheit als auch ihrer Wichtigkeit. Die Zustimmung, welche üblicherweise der göttlichen Wahrheit gegeben wird, ist sehr leise und matt, sehr schwach und ineffektiv und fliesst nur aus einer blinden Neigung dazu, der Religion zu folgen, welche in Mode ist, oder einer faulen Gleichgültigkeit und Unbekümmertheit, ob die Dinge so sind oder nicht. Die Menschen möchten sich mit der Religion ihres Landes nicht streiten, und weil alle ihre Nachbarn Christen sind, sind sie damit zufrieden, auch so zu sein; aber sie geben sich selten grosse Mühe, die Beweise dieser Wahrheiten zu bedenken, oder über ihre Wichtigkeit nachzudenken und darüber, was sie implizieren, und deswegen haben sie so wenig Einfluss auf ihre Affekte und ihre Handlungen. Diese „geistlosen und lähmenden Gedanken“ wie sie jemand richtig bezeichnet hat, sind nicht in der Lage, den Willen zu bewegen, und die Hand zu lenken. Wir müssen uns deswegen bemühen, unseren Geist zu einem ernsten Glauben und vollkommener Überzeugung der göttlichen Wahrheiten zu entwickeln, zu einem Sinn und Gefühl für spirituelle Dinge; unsere Gedanken müssen um sie kreisen, bis wir von ihnen sowohl überzeugt als auch tief betroffen sind. Lass uns mutig vorwärts drängen, und uns der unsichtbaren Welt nähern und unseren Geist dabei auf immaterielle Dinge ausrichten, bis wir ganz klar wahrnehmen, dass diese keine Träume sind, ja, dass alle Dinge neben ihnen Träume und Schatten sind. Wenn wir um uns herumschauen und die Schönheit und Grossartigkeit dieser göttlichen Struktur betrachten, die Ordnung und Harmonie der ganzen Schöpfung, lass unsere Gedanken von dort ihren Flug nehmen hin zu dieser omnipotenten Weisheit und Güte, welche zuerst geschaffen hat, und dasselbe immer noch einrichtet und aufrechterhält. Wenn wir über uns selbst nachdenken, lass uns dabei bedenken, dass wir nicht nur ein blosses Stück von organisierter Materie sind, ein eigenartiger und wohlkonstruierter Motor; dass mehr in uns ist als Fleisch und Blut und Knochen, nämlich ein göttlicher Funke, fähig dazu, unseren Schöpfer zu kennen und zu lieben und zu geniessen; und auch wenn er jetzt noch ziemlich von seinem stumpfen und schwerfälligen Begleiter behindert wird, so wird er doch schon bald davon befreit werden und kann ohne den Körper existieren, genauso wie wir das ohne die Kleider können, welche wir uns mit Vergnügen vom Leib reissen. Lass uns oft unsere Gedanken von dieser Erde wegziehen, dieser Szenerie von Elend und Dummheit und Sünde und sie erheben zu dieser weit größeren und herrlicheren Welt, deren unschuldige und gesegnete Bewohner sich für immer in der göttlichen Gegenwart trösten und keine anderen Leidenschaften kennen als eine unvermischte Freude und eine grenzenlose Liebe. Und dann bedenke, wie der gesegnete Sohn Gottes zu dieser niedrigen Welt herabkam, um unter uns zu leben und für uns zu sterben, damit er uns zu einem Anteil an derselben Glücklichkeit bringen konnte und denke daran, wie er die Schärfe des Todes überwunden hat und das Königreich der Himmel geöffnet hat für alle Gläubigen; und jetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe sitzt und trotzdem nicht weniger an uns denkt, sondern unsere Gebete entgegennimmt und sie seinem Vater präsentiert und seine Gemeinde jeden Tag mit den Einflüssen seines Geistes besucht, so wie die Sonne uns mit ihren Strahlen erreicht.
Die ernste und häufige Betrachtung von diesen und ähnlichen anderen göttlichen Wahrheiten ist die am besten geeignete Methode, um jenen lebendigen Glauben zu erzeugen, der die Grundlage der Religion ist, die Quelle und Wurzel des göttlichen Lebens. Lass mich noch einige besondere Themen zur Meditation vorschlagen, um ihre verschiedenen Zweige hervorzubringen. Als erstes: Um unsere Seelen mit der Liebe zu Gott zu entflammen, lass uns die Grossartigkeit seines Wesens bedenken und seine Liebe und Güte uns gegenüber. Es ist wenig, was wir von der göttlichen Perfektion wissen; und doch mag dieses Wenige genügen, um unsere Seelen mit Bewunderung und Liebe zu erfüllen, um unsere Zuneigung zu entzücken und zugleich unser Staunen zu erregen; denn wir sind nicht nur Geschöpfe der Sinne, als ob wir unfähig wären zu irgendeinem anderen Reiz als dem, die durch die Augen hereinkommt. Die Beschreibung einer grossartigen Person, die wir nie gesehen haben, mag sehr oft unsere Herzen gewinnen und uns sehr an all ihren Anliegen Anteil nehmen lassen. Und was ist es, ich bitte dich, was uns so sehr mit jenen verbindet, mit denen wir Umgang pflegen? Ich kann nicht glauben, dass es nur die Farbe ihres Gesichts ist und die Anmut ihrer Gestalt; weil dann müssten wir uns in Statuen, Bilder oder Blumen verlieben. Diese äußeren Vorzüge mögen das Auge ein wenig erfreuen, aber wären niemals dazu in der Lage, das Herz so sehr zu beherrschen, wenn sie nicht eine Art von lebendiger Perfektion repräsentieren würden. Wir sehen oder nehmen entweder eine gewisse Grossartigkeit des Geistes wahr, oder eine Kraft des Geistes, oder eine Sanftmut der Gesinnung; irgendeine Lebhaftigkeit oder Weisheit oder Güte, die unseren Geist bezaubert und unsere Liebe befiehlt. Nun, diese Perfektion ist nicht offensichtlich sichtbar; die Augen können nur ihre Zeichen und Wirkungen erkennen; und wenn es der Verstand wäre, der unsere Zuneigung lenkt, und wenn lebendige Perfektion ihn beherrschen würde, dann würden ganz sicher die Vorzüge der göttlichen Natur (und wir können nicht anders, als ihre Spuren in allem zu entdecken, was wir ansehen) nicht darin fehlgehen, unsere Herzen zu gewinnen, wenn wir sie ernsthaft betrachten und darauf achten. Sollten wir nicht unendlich mehr ergriffen sein von jener allmächtigen Weisheit und Güte, welche das Universum erfüllt und sich in allen Teilen der Schöpfung zeigt, die das Gefüge der Natur fest gegründet hat, die die gewaltigen Räder der Vorsehung bewegt und die Welt vor Unordnung und Verderben bewahrt, als von den schwachen Strahlen derselben Perfektion, welchen wir in unseren Mitgeschöpfen begegnen? Sollten wir uns an den heiligen Teilen eines rohen und unvollkommenen Bildes ergötzen und niemals von der ursprünglichen Schönheit bewegt werden? Das wäre eine unerklärliche Dummheit und Blindheit. Was auch immer wir an einem Freund oder an einem Heiligen liebenswert finden sollte unsere Zuneigung nicht gefangen nehmen, sondern emporheben. Wir sollten bei uns selbst zu dieser Schlussfolgerung kommen, wenn so viel Süße in einem Tropfen ist, dann muss ja unendlich mehr davon in der Quelle sein; wenn da so viel Glanz in einem Strahl vorhanden ist, wie muss dann erst die Sonne in ihrer Herrlichkeit sein?
Wir können auch nicht als Ausrede vorbringen, dass das Objekt so weit entfernt ist, so als ob Gott zu weit weg wäre für den Kontakt mit uns oder unsere Liebe. „Er ist ja nicht ferne von einem jeden von uns; denn in ihm leben, weben und sind wir.“ Wir können unsere Augen nicht öffnen, ohne einige Fusspuren seiner Herrlichkeit ansehen zu müssen; und wir können uns nicht zu ihm wenden, ohne dass wir ganz sicher bemerken werden, dass er auf uns achtet, als ob er darauf warten würde, um einen Blick zu erhaschen, bereit, mit uns die innigste Gemeinschaft und den vertrautesten Umgang zu pflegen. Lass uns deswegen darum bemüht sein, unsere Gedanken zu den klarsten Vorstellungen von der göttlichen Natur zu erheben. Lass uns alles bedenken, was seine Werke von ihm verkünden oder was sein Wort uns von ihm aufdeckt; und lass uns ganz besonders über jene sichtbare Vertretung von ihm nachdenken, welche in unserer eigenen Natur von seinem Sohn ausgeübt wurde, der „der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens“ war und der in der Welt erschienen ist, um gleichzeitig aufzudecken, was Gott ist und was wir sein sollen. Lass uns ihn unserem Geist so darstellen, wie wir ihn im Evangelium beschrieben finden; und dort sollen wir die Perfektion der göttlichen Natur anschauen, auch wenn sie mit dem Schleier der menschlichen Schwachheiten bedeckt ist; und wenn wir uns selbst die klarste Vorstellung, die wir können, von einem Wesen gemacht haben, das unendlich ist an Kraft, an Weisheit und an Güte und Tugend, der Urheber und die Quelle von aller Perfektion, dann lass uns die Augen unserer Seele fest darauf richten, damit unsere Augen unser Herz beeinflussen, und während wir darüber nachgrübeln, wird das Feuer brennen.
Und ganz besonders, wenn wir zusätzlich dazu noch die Berücksichtigung von Gottes freundlichem Interesse und guten Willen uns gegenüber hinzufügen; nichts ist kraftvoller, um unsere Zuneigung zu gewinnen, als herauszufinden, dass wir geliebt werden. Zeichen der Freundlichkeit sind uns immer angenehm und willkommen, auch wenn die Person ansonsten gemein und widerwärtig sein sollte; aber die Liebe von einem zu besitzen, der ganz und gar liebenswert ist, zu wissen, dass die herrliche Majestät des Himmels irgendeine Rücksicht auf uns nimmt, wie muss uns das erstaunen und entzücken, wie muss es unseren Geist überwältigen, und unsere Herzen schmelzen lassen und unsere ganze Seele in Flammen setzen! Nun so wie das Wort Gottes voll von Äußerungen seiner Liebe zu den Menschen ist, so verkünden alle seine Werke sie lautstark. Er hat uns unser Dasein gegeben, und indem er uns darin erhält, erneuert er diese Gabe in jedem Augenblick. Er hat uns in eine reiche und gut ausgestattete Welt gesetzt und grosszügig für alle unsere Bedürfnisse gesorgt. Er lässt Segnungen vom Himmel auf uns herabregnen und lässt die Erde unsere Verpflegung hervorbringen. Er gibt uns unsere Speise und Kleidung, und während wir die Erträge eines Jahres verbrauchen, ist er schon dabei, für das nächste Jahr alles für uns vorzubereiten. Er versüßt unser Leben mit unzähligen Tröstungen und befriedigt alle Sinne mit den passenden Objekten. Das Auge seiner Vorsehung ruht immer auf uns, und er wacht über unsere Sicherheit, wenn wir fest schlafen und weder an ihn noch an uns selbst denken. Aber damit wir diese Zeugnisse seiner Güte nicht für wenig beachtenswert halten, weil sie die ganz einfachen Wirkungen seiner allmächtigen Kraft sind und ihm keinerlei Mühe oder Schmerzen verursachen, hat er sich einer noch wunderbareren Methode bedient, um sich selbst bei uns beliebt zu machen: Er hat seine Liebe zu uns bezeugt sowohl durch Leiden als auch durch Taten; und weil er in seiner eigenen Natur nicht leiden konnte, hat er unsere angenommen. Der ewige Sohn Gottes bekleidete sich selbst mit den Schwachheiten unseres Fleisches und verließ die Gemeinschaft jener unschuldigen und gesegneten Geister, die genau wussten, wie man ihn liebt und anbetet, um unter den Menschen zu wohnen und mit der Widerspenstigkeit dieser rebellischen Rasse zu ringen, um sie auf ihren Gehorsam und ihre Glückseligkeit zu reduzieren, und sich dann selbst zum Opfer und zur Sühnung für sie darzubringen. Ich erinnere mich, dass einer der Dichter einen geistreichen Einfall hatte, um die Leidenschaft auszudrücken, von der er sich selbst nach langem Widerstand überwältigt wiederfand: Dass der Gott der Liebe alle seine goldenen Pfeile auf ihn abgeschossen hatte, aber nie sein Herz durchbohren konnte, bis er als letztes dann sich selbst in den Bogen legte und sich selbst direkt in seine Brust hineinschoss. Mir scheint, dass dies irgendwie ganz gut Gottes Art umschreibt, mit den Menschen umzugehen. Er hatte lange mit einer widerspenstigen Welt gestritten und sehr viele Segnungen auf sie herabgeworfen; und als alle seine anderen Geschenke keinen Erfolg hatten, machte er schließlich sich selbst zum Geschenk, um seine Liebe zu bezeugen und die ihre zu gewinnen. Der Bericht, den wir im Evangelium vom Leben unseres Retters haben, zeigt uns die ganze Zeit die Geschichte seiner Liebe: All die Mühen, die er auf sich genommen hat, und alle Schwierigkeiten, die er ertragen hat, waren die wunderbaren Auswirkungen und unwiderlegbaren Beweise dieser Liebe. Aber, diese letzte, jene düstere Szene! Ist es möglich, sich daran zu erinnern und seine Freundlichkeit in Frage zu stellen oder ihm unsere zu verweigern? Hier, hier ist es, mein lieber Freund, worauf wir unsere ernstesten und feierlichsten Gedanken ausrichten sollten, „damit Christus durch den Glauben in unseren Herzen wohne, damit wir, in der Liebe gewurzelt und gegründet, mit allen Heiligen begreifen können, welches die Breite und die Länge und die Tiefe und die Höhe sei, und die Liebe Christi erkennen können, die doch alle Erkenntnis übersteigt, damit wir erfüllt werden mit der ganzen Fülle Gottes.“
Wir sollten auch häufig über jene besonderen Zeichen der Gunst und Liebe nachdenken, welche Gott uns ganz persönlich gewährt hat: Wie lange er Nachsicht mit unseren Dummheiten und Sünden gehabt hat und darauf gewartet hat, gnädig mit uns zu sein — gleichsam ringend mit der Sturheit unserer Herzen und jede Methode versuchend, um uns wieder zurückzugewinnen. Wir sollten in unserem Gedächtnis ein Verzeichnis anlegen von all den bemerkenswerten Segnungen und Errettungen, die uns widerfahren sind; wobei manche von ihnen die Nachricht so deutlich übermittelt haben, dass wir ganz klar erkennen konnten, dass sie nicht das Ergebnis des Zufalls waren, sondern die gnädigen Wirkungen der göttlichen Gunst und ein Signal der Erwiderung auf unsere Gebete. Und wir sollten die Gedanken an diese Dinge auch nicht durch schroffe oder unwürdige Verdächtigungen verbittern, als ob sie mit Absicht so gestaltet worden wären, um unsere Schuld zu vergrössern und unsere ewige Verdammnis zu steigern. Nein, nein, mein Freund, Gott ist Liebe, und er hat keinen Gefallen am Ruin seiner Geschöpfe. Wenn sie seine Güte missbrauchen und seine Gnade in Liederlichkeit verkehren und sich dadurch in die größeren Tiefen von Schuld und Elend hineinstürzen, dann ist das der Effekt ihrer hartnäckigen Bosheit und nicht die Absicht jener Wohltaten, welche er erweist.
Wenn diese Überlegungen einmal in unseren Herzen eine echte Liebe und Zuneigung zu dem allmächtigen Gott erzeugt haben, dann würde uns das ganz leicht zu den anderen Zweigen der Religion führen; und deshalb brauche ich von ihnen nur umso weniger zu sagen.
Wir werden unsere Herzen vergrössert finden in Liebe zu den Menschen, indem wir die Beziehung berücksichtigen, in der sie zu Gott stehen, und die Abdrücke seines Bildes, die auf ihnen eingeprägt sind. Sie sind nicht nur seine Geschöpfe, das Werk seiner Hände, sondern solche, um die er sich ganz besonders sorgt und für die er eine sehr liebevolle und zärtliche Aufmerksamkeit hat, weil er die Pläne für ihre Glückseligkeit schon vor Grundlegung der Welt entworfen hat und willens ist, in alle Ewigkeit mit ihnen zu leben und eine Beziehung zu haben. Die geringste und verachtenswerteste Person, die wir anschauen, ist ein Sprössling des Himmels, eins der Kinder des Allerhöchsten; und egal wie unwürdig sie sich auch angesichts dieser Verbindung verhalten mag, solange Gott sie nicht durch ein endgültiges Urteil verworfen und verstossen hat, wird er verlangen, dass wir die Person als von ihm anerkennen, und dass wir sie als solche mit aufrichtiger und herzlicher Liebe umarmen. Du weisst, was für eine grosse Besorgnis wir normalerweise für diejenigen hegen, die in irgendeiner Weise zu der Person gehören, die wir lieben; wie gern wir jede Gelegenheit ergreifen, dem Kind oder dem Diener eines Freundes eine Freude zu machen; und ganz sicher würde unsere Liebe zu Gott ebenso natürlich in Liebe zu den Menschen hervorsprudeln, wenn wir daran denken würden, welchen Anteil er nach seinem Wohlgefallen an ihnen nimmt, und bedenken, dass jede Seele ihm lieber ist als die ganze materielle Welt; und dass er das Blut seines Sohnes nicht für einen zu hohen Preis zu ihrer Erlösung gehalten hat.
Nochmal: So wie alle Menschen in einer nahen Beziehung zu Gott stehen, so haben sie immer noch so viel von seinem Bild auf sich eingeprägt, dass es uns dazu verpflichten und anregen könnte, sie zu lieben. In manchen ist dieses Bild hervorstechender und auffälliger, und wir können die lieblichen Spuren von Weisheit und Güte erkennen; und auch wenn es bei anderen jämmerlich besudelt, verunstaltet und kaum noch erkennbar sein mag, so ist es doch trotzdem nicht völlig ausradiert, und wenigstens einige Züge sind immer noch vorhanden. Alle Menschen sind mit vernünftigen und unsterblichen Seelen ausgestattet, mit Verstand und Willen, die zu den höchsten und erhabensten Dingen fähig sind; und wenn sie aktuell sich in Unordnung befinden, und aus dem Takt geraten sind durch Bosheit und Dummheit, dann mag das in der Tat unser Mitleid erregen, aber es sollte nicht unser Mitgefühl auslöschen. Wenn wir eine Person mit einem verdorbenen Humor und von rauem Wesen und verkehrter Gesinnung sehen, voller Bosheit und Verstellung, sehr dumm und sehr stolz, dann fällt es schwer, sich in so ein Objekt zu verlieben, das sich selbst für uns in einem so schlechten Licht zeigt, so gar nicht dankbar und liebenswürdig. Aber wenn wir diese schlechten Eigenschaften als die Krankheiten und Infektionen einer Seele betrachten, welche an sich eigentlich zu all jener Weisheit und Güte fähig ist, mit der die besten Heiligen je geschmückt gewesen sind, und die eines Tages vielleicht zu solchen Höhen der Perfektion erhoben werden könnte, welche sie zu einer würdigen Gesellschaft für die heiligen Engel machen würde; das wird unsere Abneigung in Mitleid verwandeln und wird uns die Person mit so einem Bedauern anschauen lassen, wie wir es haben sollten, wenn wir einen schönen Körper ansehen, der durch Wunden übel zugerichtet wurde oder durch eine widerwärtige Krankheit entstellt worden ist; und wie sehr wir auch die Laster hassen, sollen wir trotzdem nicht aufhören, den Menschen zu lieben.
Um als nächstes unsere Seelen zu reinigen und unsere Zuneigung von den Vergnügungen und Freuden dieses niedrigeren Lebens zu entflechten, lass uns häufig über die Grossartigkeit und Würde unserer Natur nachdenken und was für eine beschämende und unwürdige Sache es für so ein edles und göttliches Geschöpf wie die Seele des Menschen ist,, in tierische und sinnliche Begierden versunken und vertieft zu sein oder sich mit luftigen und fantasievollen Vergnügungen zu amüsieren und so den Geschmack an soliden und geistlichen Freuden zu verlieren; sodass in uns das Tier gefüttert und verwöhnt wird, während man den Menschen und den Christen in uns verhungern lässt. Wenn wir nur darauf achten würden, wer wir sind und wofür wir gemacht worden sind, dann würde das uns lehren, uns selbst auf eine richtige Weise zu verehren und von Ehrfurcht vor uns selbst ergriffen zu sein; im rechten Sinn natürlich; es würde eine Bescheidenheit und eine Beschämung in uns erzeugen und uns sehr scheu und zurückhaltend machen im Gebrauch selbst der unschuldigsten und zulässigen Vergnügungen.
Zu demselben Zweck wird es sehr effektiv sein, dass wir häufig unsere Gedanken zum Himmel erheben und unseren Gedanken die Freuden präsentieren, die zur Rechten Gottes sind, jene Freuden, die bis in Ewigkeit anhalten werden. „Und jeder, der diese Hoffnung auf ihn hat, reinigt sich, gleichwie auch Er rein ist.“ Wenn unser himmlisches Heimatland oft in unseren Gedanken ist, wird es uns zu „Fremdlingen und Pilgern“ machen, „die sich von fleischlichen Begierden enthalten, die gegen die Seele streiten“ und uns unbefleckt von dieser Welt bewahren, damit wir für die Freuden und Seligkeiten der anderen Welt tauglich sein mögen. Aber dann müssen wir darauf achten, dass unsere Vorstellungen vom Himmel nicht grob und fleischlich sind, dass wir nicht von einem mohammedanischen Paradies träumen und uns auch nicht auf jenen Bildern und Gleichnissen ausruhen, durch welche diese Freuden manchmal dargestellt werden; denn das könnte vielleicht einen gegenteiligen Effekt haben: Es könnte uns noch tiefer in fleischliche Neigungen verstricken, und wir könnten dazu tendieren, uns einem sehr freien Vorgeschmack auf jene Freuden hinzugeben, auf die wir unsere ewige Glückseligkeit aufgebaut haben. Aber wenn wir einmal dahin gekommen sind, diese reinen und geistlichen Freuden recht zu begreifen; wenn die Glückseligkeit, die wir uns selbst zum Ziel setzen, in dem Anschauen, Lieben und Genießen Gottes besteht, und unsere Gedanken erfüllt sind mit den Hoffnungen und Gedanken der Vorfreude auf diesen gesegneten Zustand; oh, wie gering und verachtenswert werden dann alle Dinge hier unten in unseren Augen erscheinen! Mit welcher Verachtung werden wir die ordinären und schmutzigen Vergnügungen zurückweisen, die uns jener himmlischen Freude berauben würden oder uns in irgendeiner Weise für sie unpassend und untauglich machen würden!
Der letzte Zweig der Religion ist die Demut, und gewiss wird es uns niemals an Stoff zur Betrachtung fehlen, wie man sie erzeugt. All unsere Bosheiten und Unvollkommenheiten, all unsere Dummheiten und unsere Sünden können dazu hilfreich sein, jene innige und überhebliche Eitelkeit niederzureissen – und wir alle tendieren dazu, diese für uns selbst zu empfinden. Was andere dazu bringt, uns zu schätzen, ist ihre Kenntnis oder Wahrnehmung von ein klein wenig Gutem und ihr Nichtwissen über eine Menge Böses, das in uns sein mag; wenn sie uns durch und durch kennen würden, dann würden sie ihre Meinung ziemlich schnell ändern. Die Gedanken, die uns durch den Kopf gehen, am besten und ernsthaftesten Tag unseres Lebens – wenn sie öffentlich sichtbar gemacht werden würden, würden sie uns entweder hassenswert oder lächerlich erscheinen lassen. Und nun, wie sehr wir auch unsere Fehler voreinander verbergen, sind wir selbst uns doch ihrer bewusst, und einiges ernste Nachdenken über sie würde die Eitelkeit unseres Geistes ziemlich relativieren und verringern. So sind heilige Menschen dahin gekommen, wirklich schlechter von sich selbst zu denken als von irgendjemand anderem auf der Welt; nicht als hätten sie nicht gewusst, dass ordinäre und skandalöse Laster von Natur aus abscheulicher sind als die Überraschungen der Versuchungen und Schwachheit, aber weil sie sich viel mehr auf ihre eigenen Verfehlungen konzentrierten als auf die ihrer Mitmenschen und bei den einen all die Erschwerungen mit bedachten, wo sie bei den anderen alles berücksichtigten, was die Fehler verringern oder mildern könnte.
Und es wird von einem frommen Schriftsteller sehr treffend bemerkt, dass die tiefste und reinste Demut nicht so sehr aus der Betrachtung unserer eigenen Fehler und Mängel entsteht, als aus einer stillen und ruhigen Betrachtung der göttlichen Reinheit und Tugend. Unsere Flecken erscheinen niemals so deutlich, als wenn wir sie vor dieses unendliche Licht halten; und wir erscheinen in unseren eigenen Augen niemals geringer, als wenn wir von hoch oben auf uns selbst herabschauen. O wie klein, wie nichtig erscheinen dann all diese Schatten von Perfektion, von denen wir es gewohnt sind, uns selbst für sie wertzuschätzen! Jene Demut, die aus dem Anblick unserer eigenen Sündhaftigkeit und Jämmerlichkeit kommt, ist unruhiger und stürmischer; aber die andere erniedrigt uns vollkommen und es fehlt ihr nicht an jener Qual und Pein, mit der es in unserer Seele brodelt, wenn das der Gegenstand unserer Gedanken ist.
Es ist noch ein anderes Mittel übrig, um eine heilige und religiöse Gesinnung in der Seele zu erzeugen, und das ist leidenschaftliches Gebet aus ganzem Herzen. Heiligkeit ist das Geschenk Gottes, in der Tat das größte Geschenk, das er spendiert bzw. das grösste Geschenk, zu dem wir imstande sind, es zu bekommen; und er hat seinen Heiligen Geist denen versprochen, die ihn darum bitten. Im Gebet machen wir die grössten Annäherungen an Gott und liegen offen für die Einflüsse des Himmels; dann ist es, dass die Sonne der Gerechtigkeit uns mit ihren direkten Strahlen besucht, und unsere Finsternis vertreibt und sein Bildnis auf unsere Seelen einprägt. Ich kann jetzt nicht auf die Vorteile dieser Übung näher eingehen oder auf die Gesinnung, in der sie ausgeführt werden soll; und es ist auch nicht nötig für mich, das zu tun, weil es so viele Bücher zu diesem Thema gibt. Ich werde dir nur das sagen, dass so wie es eine Art des Gebets gibt, bei der wir Gebrauch von der Stimme machen, was in der Öffentlichkeit notwendig ist und was manchmal im Privaten seine eigenen Vorteile haben kann; und eine andere, bei der wir keinen Laut von uns geben, aber trotzdem die Äusserungen uns vorstellen und die Worte gewissermassen im Geist formen; dass es so auch eine dritte und sublimere Art des Gebets gibt, worin die Seele einen höheren Flug nimmt und, nachdem sie durch lange und ernsthafte Meditation alle ihre Kräfte gesammelt hat, sich selbst (wenn ich so reden darf) auf Gott schleudert mit Seufzen und Stöhnen und Gedanken zu gross, um sie auszusprechen. So wie wenn, nach einem tiefen Nachdenken über die göttliche Perfektion, die in all seinen Werken der Wunder erscheinen, sie sich an ihn wendet in der tiefsten Verehrung seiner Majestät und Herrlichkeit; wenn sie nach traurigem Nachdenken über ihre eigene Bösartigkeit und ihre Verfehlungen sich selbst mit der größten Verwirrung und Trauer vor ihm niederwirft und es nicht wagt, in seiner Gegenwart ihre Augen zu erheben oder ein einziges Wort zu sprechen; oder wenn sie nach Gott lechzt, weil sie viel über die Schönheit der Heiligkeit und die unaussprechliche Seligkeit von denen, die wirklich gut sind, nachgedacht hat, und solch heftiges und brennendes Verlangen nach oben sendet, wie keine Worte es ausreichend ausdrücken können, und jeden dieser Akte so lange fortsetzt und wiederholt, wie sie sich selbst von der Kraft und dem Impuls der vorangegangen Meditation aufrechterhalten findet.
Dieses mentale Gebet ist von allen anderen das effektivste, um die Seele zu reinigen und sie in ein heiliges und religiöses Temperament zu versetzen; und kann das große Geheimnis der Hingabe genannt werden und eins der mächtigsten Werkzeuge des göttlichen Lebens; und vielleicht hat der Apostel einen besonderen Bezug darauf genommen, als er sagte, dass „der Geist unserer Schwachheit aufhilft; denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt; sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit Seufzern, die nicht ausgesprochen werden können“; oder wie das Original auch lauten kann, „die nicht in Worte gefasst werden können.“ Trotzdem empfehle ich diese Art des Gebets nicht so, dass es den Gebrauch der anderen überflüssig machen soll; denn wir haben so viele verschiedene Anliegen zum Beten und jede Bitte von dieser Natur erfordert so viel Zeit und eine so große Aufmerksamkeit des Geistes, dass es nicht leicht wäre, sie alle darin hineinzupacken; ganz abgesehen davon, dass die intensiven Seufzer und Wogen des Herzens, die es für gewöhnlich begleiten, für die Natur etwas belastend sind und es schwer machen, lang in ihnen auszuhalten. Aber ganz sicher werden ein paar dieser innerlichen Bestrebungen mehr bewirken als sehr viele flüssige und dahinschmelzende Phrasen.
So habe ich dir, mein lieber Freund, also kurz die Methode vorgeschlagen, die ich dafür geeignet halte, um die Seele in eine heilige Gestalt zu modellieren; und dieselben Mittel, die dazu dienen, dieses göttliche Temperament zu erzeugen, müssen fortlaufend geübt werden, um dieses zu stärken und zu fördern; und deshalb werde ich nur noch eins mehr zu diesem Zweck empfehlen, und das ist der häufige und gewissenhafte Gebrauch jenes heiligen Abendmahls, das besonders dazu ernannt worden ist, geistliches Leben zu nähren und zu vermehren, wenn es einmal in der Seele begonnen worden ist. All die Werkzeuge der Religion treffen in diesem Gnadenmittel aufeinander; und wenn wir uns ihm widmen, dann müssen wir alle zuvor genannten Regeln in die Tat umsetzen. Dann unterziehen wir unsere Handlungen der strengsten Prüfung und legen uns selbst die strengsten Verbindlichkeiten auf; dann sind unsere Gedanken zur äussersten Verachtung der Welt aufgerichtet, und jede Gnade übt sich selbst mit größter Aktivität und Kraft aus; alle Subjekte der Meditation präsentieren sich uns dort mit der grössten Nützlichkeit; und dann, wenn jemals, macht die Seele ihre gewaltigsten Anläufe zum Himmel und bestürmt ihn mit heiliger und akzeptabler Gewalt. Und ganz sicher ist die Vernachlässigung oder nachlässige Ausübung dieser Pflicht eine der Hauptursachen dafür, dass unsere Religion sehr klein gemacht wird und man uns in Winzigkeit verbleiben lässt.
Aber es ist an der Zeit, dass ich diesen Brief beende, der weit umfangreicher geworden ist, als ich zuerst beabsichtigt hatte. Wenn diese einfachen Blätter dir auch nur den geringsten Dienst tun können, dann werde ich mich sehr glücklich schätzen für dieses Vorhaben; wenigstens hoffe ich, dass du die aufrichtigen Bemühungen von jemandem freundlich annehmen wirst, der mit Vergnügen ein wenig von dem begleichen möchte, was er dir schuldig ist.
Ein Gebet
Und nun, o aller gnädigster Gott, Vater und Quelle von Barmherzigkeit und Güte, der uns gesegnet hat mit der Erkenntnis unseres Glücklichseins und des Weges, der dahinführt! Erwecke in unseren Seelen so brennende Sehnsüchte nach dem einen, dass sie uns antreiben zur eifrigen Verfolgung des anderen. Lass uns weder auf unsere eigene Kraft vertrauen noch deiner göttlichen Hilfe misstrauen; sondern während wir unser Bestes geben, lehre uns, trotzdem immer noch von dir für den Erfolg abhängig zu sein. Öffne unsere Augen, o Gott, und lehre uns aus deinem Gesetz. Segne uns mit einem genauen und zarten Sinn für unsere Pflicht und mit Erkenntnis, um verkehrte Dinge zu bemerken. „O dass unsere Wege gerichtet wären, deine Satzungen zu halten; Dann werden wir nicht beschämt werden, wenn wir schauen auf alle deine Gebote.“ Besitze unsere Herzen mit einer edlen und heiligen Verachtung für all diese armseligen Vergnügungen, die diese Welt für uns bereithält, um uns zu verführen, damit sie niemals unsere Zuneigung betören oder uns zur Sünde verleiten können; dass sie niemals unsere Zuneigung verführen oder uns an irgendeine Sünde verraten können; wende unsere Augen ab davon, Eitelkeit anzuschauen, und belebe du uns in deinem Gesetz. Erfülle unsere Seelen mit einem so tiefen Empfinden und einer so festen Überzeugung jener großen Wahrheiten, welche du im Evangelium offenbart hast, dass sie unsere ganze Konversation beeinflussen und regulieren mögen; und dass wir das Leben, welches wir von da an im Fleisch leben, im Glauben an den Sohn Gottes leben mögen. O dass die unendliche Perfektion deiner gesegneten Natur und die erstaunlichen Beweise deiner Güte und Liebe unsere Herzen besiegen und überwältigen mögen, dass sie beständig in Flammen der andächtigsten Liebe zu dir aufsteigen und sich selbst in aufrichtiger und herzlicher Liebe für die ganze Welt um deinetwillen erweitern; und dass wir „uns reinigen von aller Befleckung des Fleisches und des Geistes und die Heiligkeit vollenden in der Furcht vor dir“, ohne welche wir niemals hoffen können, dich zu schauen und zu genießen. Schliesslich, o Gott! gewähre, dass die Rücksichtnahme darauf, was du bist, und dessen, was wir selbst sind, uns demütige und uns vor dir zurückhaltend sein lasse, und erwecke doch auch in uns die stärkste und brennendste Sehnsucht nach dir. Wir sehnen uns danach, loszulassen und uns selbst ganz der Leitung deines Heiligen Geistes zu übergeben; „Leite uns in deiner Wahrheit und lehre uns; denn du bist der Gott unseres Heils;“ „führe uns nach deinem Rat und nimm uns danach in Herrlichkeit auf;“ wegen der Verdienste und Fürbitte deines gesegneten Sohnes, unseres Erlösers. Amen.
